Hotwife & offene Paare

Florian und der letzte Zug

Der letzte Zug aus der Stadt fuhr um 23:48 Uhr in den kleinen Bahnhof ein, und Florian stand schon seit Viertel nach elf auf dem Bahnsteig, die Hände in den Manteltaschen, den Kragen hochgeschlagen. Es nieselte. Das war gut, es gab ihm etwas, worüber er sich ärgern konnte, außer über die Frage, die ihn seit sechs Stunden begleitete.

Hanna hatte gesagt: Ich komme mit dem letzten Zug. Hol mich ab, wenn du magst. Wenn du lieber zu Hause wartest, ist das genauso schön.

Er mochte. Er war nicht sicher, warum. Vielleicht, weil Abholen bedeutete, dass er sie früher sah. Vielleicht, weil er etwas beweisen wollte, ihr oder sich selbst. Er war achtundvierzig, Schreiner, kein Mann großer Worte, aber einer, der Dinge gründlich tat. Auch das Warten.

Der Zug fuhr ein. Türen öffneten sich. Ein Mann mit Rucksack stieg aus, zwei Studentinnen, ein Schaffner, der gähnte. Dann schlossen sich die Türen wieder. Der Bahnsteig leerte sich.

Hanna war nicht dabei.


Er holte das Telefon heraus. Keine Nachricht. Sein Herz klopfte hart, ein Gefühl, das er kannte, aber nur aus den schlimmsten Stunden seines Lebens. Er hatte versprochen, nicht zu drängen. Er hatte versprochen, ihr Vertrauen mit Vertrauen zu beantworten. Er wählte trotzdem.

Es klingelte zweimal. „Ja?" Ihre Stimme, ein wenig außer Atem. „Flo. Oh nein. Ich bin im falschen Zug."

„Im falschen Zug?"

„Ich saß im Regionalexpress, nicht in der Bahn. Ich fahre in die Gegenrichtung, sieben Stationen zu weit. Ich wollte dir schreiben, aber der Akku..." Sie lachte, atemlos, erschöpft. „Ich komme mit dem Taxi. Bleib, wo du bist. Oder fahr nach Hause und mach Licht an."

Er sagte nichts. Sein ganzer Körper entspannte sich auf einmal, ein Schwall wie Wasser, das aus einer geborstenen Leitung fließt.

„Flo? Bist du noch da?"

„Ich war so sicher", sagte er langsam, „dass du dich anders entschieden hast."

Stille. Dann, ganz leise: „Anders entschieden, wofür?"

„Für ihn. Gegen mich. Dagegen, zurückzukommen."

„Florian." Ihre Stimme klang jetzt ganz nah, als säße sie neben ihm. „Ich habe dir gesagt, dass ich komme. Und weißt du, wann ich dir zum ersten Mal etwas verschwiegen habe?"

„Nie."

„Nie. Genau. Und heute fange ich nicht damit an."


Das Taxi hielt vor dem Bahnhof um kurz nach eins. Sie stieg aus, in den Schuhen, die sie nicht mehr tragen konnte, und kam ihm entgegen, barfuß über den nassen Asphalt. Er breitete den Mantel aus, und sie verschwand darin.

„Du bist nass", sagte sie.

„Du auch."

„Du hast gewartet."

„Ich war nie woanders."

Sie löste sich so weit, dass sie ihm ins Gesicht sehen konnte. Ihre Augen glänzten, aber nicht vom Wein, sondern vom Wiedersehen. „Dann gehen wir jetzt nach Hause. Ich koche uns eine Suppe, und du darfst fragen, was du willst. Alles. Oder gar nichts."

„Alles", sagte er. „Aber nicht heute. Morgen, wenn ich ausgeschlafen bin und nicht aussehe wie ein verregneter Hund."

„Du siehst aus wie der Mann, den ich geheiratet habe."

„Dann bin ich ein verregneter Hund."

„Mein verregneter Hund", sagte sie und nahm seinen Arm.

Sie gingen die Bahnhofstraße hinunter, ein Paar unter einem Mantel und einem durchnässten Himmel. An der Ecke blieb sie stehen, zog sein Gesicht zu sich und küsste ihn, lange und ohne Eile, mitten auf dem Gehweg, wo nur die Straßenlaterne zusah.

„Das war die Antwort auf deine Frage", flüsterte sie.

„Ich habe keine gestellt."

„Ich weiß. Aber du hast sie gedacht. Sehr laut."

◆
CR
Clara Reuter

Schreibt über Kontrolle, Disziplin und Autorität mit Stil. Ihre Figuren führen ruhig, genau und mit einem Lächeln.

Das könnte dir auch gefallen

Hotwife & offene Paare

Judith geht tanzen

Seit zwanzig Jahren war Tobias der Einzige, mit dem Judith tanzte. Heute Abend sucht sie sich einen anderen, und er sitzt in der Bar daneben.

Jule Wagner · 3 Min. Lesezeit
Hotwife & offene Paare

Die Liste an der Kühlschranktür

Sabine und Olaf haben ihre Regeln auf einen Zettel geschrieben und mit einem Magneten festgepinnt. Dumm nur, dass Punkt sieben ihnen beiden Kopfzerbrechen bereitet.

Mira Sommer · 3 Min. Lesezeit
Hotwife & offene Paare

Der Wartende am Küchentisch

Vera geht an diesem Samstag allein aus, Carsten bleibt mit Pfefferminztee und einem schlechten Kreuzworträtsel zurück. Was ihn wirklich beschäftigt, ist die Frage, die er ihr noch nicht gestellt hat.

Lena Falk · 3 Min. Lesezeit