Halle vier, Stand siebzehn
Hanne hatte geplant, unerkannt zu bleiben. Sonnenbrille, Schal, und Ole als Schild an ihrer Seite, einen Kopf größer als sie und für ihre Zwecke bestens gebaut.
„Wir gehen nur kurz durch", hatte sie im Auto gesagt. „Ich schaue mir ein, zwei Stände an, wir kaufen nichts, wir reden mit niemandem."
„Natürlich", hatte Ole gesagt und das Lächeln aufgesetzt, das er immer aufsetzte, wenn er wusste, dass sie sich irrte.
Die Halle vier der Messe roch nach Leder, Gummi und Bratwurst. Letzteres war ein Rätsel, das niemand lösen wollte. Hanne, zweiundvierzig, Controllerin in einem Maschinenbauunternehmen, hatte noch nie in ihrem Leben so viele Menschen in so vielen Materialien gesehen, und sie fühlte sich unerwartet wohl. Eine Frau in Korsett und Wanderschuhen nickte ihr freundlich zu. Ein Mann, der aussah wie ein Bankdirektor, was er vermutlich war, erklärte einem Interessenten die Vorzüge von Hanfseil.
„Siehst du", sagte Ole. „Keiner beißt."
„Noch nicht."
An Stand siebzehn blieb sie hängen. Latexkleider, glänzend wie Regenpfützen bei Nacht, in Schwarz, Bordeaux und einem Grün, das Hanne sofort wollte und sofort leugnete. Sie fuhr mit den Fingern über den Ärmel eines Handschuhs. Er war kühl und glatt.
„Das steht Ihnen", sagte eine Stimme hinter der Auslage.
Hanne erstarrte. Die Stimme war klar, trocken, geübt darin, hintere Reihen zu erreichen. Sie kannte sie. Sie kannte sie aus der siebten Klasse. Aus dem dritten Stock. Aus Bruchrechnung.
Die Standbetreiberin trat hervor: Mitte sechzig, graue Kurzhaarfrisur, ein Latexrock, in dem sie aussah wie eine Königin auf dem Heimweg vom Parlament.
„Hanne Köster?", fragte sie. „Siebte B? Dritte Reihe, Fensterseite?"
„Frau Dr. Lindner", flüsterte Hanne.
„Ich habe Sie an der Art erkannt, wie Sie immer die Hand heben, bevor Sie etwas sagen." Frau Lindner musterte sie. „Sie hatten immer die richtige Lösung und haben sich nie getraut, sie als Erste zu sagen."
„Das stimmt."
„Und heute?"
Hanne schaute zu Ole, der wortlos und ganz heiter die Schultern hob. Deine Wahl. Sie atmete aus.
„Heute", sagte sie, „nehme ich das grüne Kleid. In meiner Größe, falls vorhanden."
„Vorhanden." Frau Lindner nickte, ernst wie bei einer richtigen Antwort. „Vollständige Punktzahl."
Es gab Puder, Anprobenhilfe und eine ausführliche Erklärung, wie man Latex anzieht, ohne den Verstand zu verlieren. Ole hielt Hannes Jacke und kommentierte nichts. Aus der Kabine drang, in Abständen, ein Fluchen, ein Lachen und einmal ein „Wie hat man das bitte vor hundert Jahren gemacht?".
Als Hanne herauskam, sagte niemand etwas. Ole sah sie an. Frau Lindner sah sie an. Dann sagte die Frau trocken: „Fünf plus."
„Das gibt es nicht."
„Heute schon."
Auf dem Weg zum Ausgang trug Ole die Tüte mit dem Kleid und Hanne einen Zettel mit der Visitenkarte der Lehrerin. Gerne Fragen jeder Art. Auch Mathematik.
„Du wolltest mit niemandem reden", sagte Ole.
„Ich wollte unerkannt bleiben."
„Das hat ja hervorragend geklappt."
Sie boxte ihn leicht gegen den Arm, und dann nahm sie seine Hand, mitten in Halle vier, zwischen Hanfseil, Bratwurstduft und einem Mann im Ganzkörperanzug, der gerade eine Brezel kaufte. Niemand schaute zweimal hin. Es war, dachte sie, der erste Ort seit Jahren, an dem sie sich nicht verstecken musste, nicht einmal vor ihrer Mathelehrerin.