Sinnesspiele

Lavendel im Dunkeln

Die Parfümerie schloss um achtzehn Uhr, aber Heike drehte das Schild erst um neunzehn Uhr dreißig, wenn der letzte Stammkunde gegangen war. Dann zog sie die Vorhänge zu, stellte die gläsernen Flakons in Reih und Glied und holte den Mann, der seit einer Viertelstunde im Hinterzimmer geduldig auf einem Hocker wartete.

„Ich dachte, ich bekomme eine Duftberatung", sagte Malte.

„Du bekommst eine. Nur nicht die übliche." Sie war siebenundvierzig, hatte graue Strähnen, die sie nie färbte, und eine Nase, die man in der Branche kannte. Malte, Lehrer für Chemie und Geschichte, kam seit einem halben Jahr jeden zweiten Samstag und kaufte Dinge, die er nicht brauchte. Beide wussten, warum.

„Ich verbinde dir die Augen", sagte sie. „Nicht, um dich zu ärgern. Wer nichts sieht, riecht schärfer. Das Wort, wenn dir etwas zu viel wird, ist Bergamotte."

„Weil es sich so gut abbrechen lässt?"

„Weil es ein ehrlicher Duft ist. Er tut so, als wäre er frisch, und ist in Wahrheit ziemlich bitter."

Er lachte, und sie legte ihm das schwarze Tuch an. Seine Haare waren an den Schläfen schon weiß, sie schob sie behutsam zur Seite.

„Erster Duft", sagte sie und hielt ihm einen Papierstreifen unter die Nase.

„Zitrus. Etwas Grünes. Gras, nach dem Mähen?"

„Sehr gut. Zweiter."

„Das ist … Vanille. Aber nicht süß. Eher wie Rauch."

„Tonka. Dritter."

Der dritte war Lavendel, und er schwieg einen Moment. „Meine Großmutter", sagte er dann, „hat ihre Wäsche damit eingelegt. Ich habe mich als Kind in den Schrank gelegt, nur um das zu riechen."

„Das ist eine schöne Erinnerung."

„Das ist die einzige, die ich in meinem Leben nie jemandem erzählt habe."

Heike hielt inne. Sie legte den Streifen beiseite, ganz sanft, und fuhr stattdessen mit den Fingerspitzen an seinem Hals entlang, dort, wo der Puls sich zeigte. „Danke", sagte sie. „Dafür, dass du mich damit nicht prüfst."

„Wer sagt, dass ich nicht prüfe?"

„Ich." Sie lächelte. „Weil du nicht der Typ bist."


Im Laden war es so still geworden, dass man die Kühlung der Vitrinen summen hörte. Malte saß ganz gerade, die Hände auf den Knien, und sie sah, wie sein Brustkorb sich hob und senkte, tiefer als vorhin, als hätte der Lavendel etwas in ihm aufgeschlossen.

Sie führte ihn durch die Düfte wie durch ein Haus mit vielen Zimmern. Sandelholz, Zeder, Rose, ein Hauch von Leder, den er sofort als „Reitstall, Sonntag" einordnete. Zwischendurch tupfte sie ihm eine Spur davon auf Handgelenke, hinters Ohr, an die Innenseite des Unterarms, und jedes Mal bat sie ihn zu sagen, was er dachte. Seine Antworten wurden leiser, ehrlicher, weniger belehrend. Irgendwann sagte er gar nichts mehr.

„Und jetzt", sagte sie, „der letzte."

Sie trug nichts auf, kein Papier, keinen Flakon. Sie trat nur nah an ihn heran, bis ihr Hals ganz dicht an seinem Gesicht war, und wartete.

„Das ist keiner von denen", sagte Malte nach einer langen Pause, rau.

„Nein."

„Das bist du."

„Und, wie riecht das?"

„Nach Hause." Er hob eine Hand, ganz langsam, fragend, und sie nickte, auch wenn er es nicht sehen konnte. „Ich glaube, ich nehme den."

„Der ist unverkäuflich", sagte Heike und nahm ihm das Tuch ab. „Aber ich könnte ihn dir leihen. Für heute Nacht."

Das Schild an der Tür blieb bis zum Montagmorgen umgedreht.

◆
JW
Jule Wagner

Findet das Komische im Knisternden. Ihre Geschichten haben Herz, Humor und fast immer ein bisschen Chaos.

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