Symbolbild

Wachs, Hitze & Kälte

Saunagang nach dem Eis

Das Gartenhaus hatte Jonas im Sommer gebaut, und seitdem roch es nach Zedernholz und Plänen, die er nie mit jemandem geteilt hatte. Jetzt, an einem kalten Oktoberabend, stand Katharina auf der Schwelle, in ein Badetuch gewickelt, und hielt ein Tablett voller Eiswürfel in den Händen.

„Du hast ein Tablett“, stellte Jonas fest.

„Ich habe einen Plan.“ Sie war einundfünfzig, Ärztin in einer Hausarztpraxis, und besaß die Fähigkeit, selbst dann ernst zu bleiben, wenn sie etwas Verrücktes vorhatte. „Erst Hitze, dann Eis, dann Hitze. Wie du es mir erklärt hast, nur mit mehr Dramaturgie.“

„Ich habe nichts von Dramaturgie gesagt.“

„Ich ergänze.“

Er lachte, und der Ofen knackte dazu, als wolle er mitreden. Sie setzten sich auf die obere Bank, Schulter an Schulter, und der Dampf legte sich über sie wie eine Decke. Katharina ließ den Kopf gegen die Holzwand sinken. Sie spürte, wie die Wärme an den Waden hochzog, in den Rücken, und alles Gerade in ihr weich wurde.

„Zehn Minuten“, sagte Jonas. „Dann raus. Und danach reden wir erst mal.“

„Worüber?“

„Darüber, wie es sich anfühlen soll.“ Er sah sie von der Seite an, Schweiß auf der Stirn, das Haar nass. „Du hast gesagt, du willst etwas ausprobieren. Ich möchte wissen, was genau, bevor ich es tue.“

Sie schwieg einen Moment. „Ich möchte, dass du mich zum Schweigen bringst“, sagte sie dann. „Nicht mit Worten. Ich bin den ganzen Tag diejenige, die Dinge erklärt. Ich will einmal nur spüren.“

„Das kann ich.“

„Und wenn es zu kalt wird, sage ich Halt.“

„Dann halte ich. Sofort.“

Sie traten hinaus in die Nacht. Die Luft biss in die Wangen, und die Dampfwolken, die von ihren Schultern aufstiegen, sahen aus wie kleine Seelen, die entwichen. Auf der Liege, die Jonas mit einem Frottéetuch ausgelegt hatte, ließ sich Katharina auf den Bauch sinken.

Der erste Eiswürfel setzte er zwischen ihre Schulterblätter. Sie zog scharf Luft ein. Es war, als schüttete jemand Silber auf ihre Haut, kalt und glänzend und überraschend freundlich. Er führte ihn in einer langsamen Linie die Wirbelsäule hinab, und wo er entlangkam, blieb eine Spur, die brannte und zugleich beruhigte.

„Atme“, sagte er leise.

„Mach ich.“

„Du hältst den Atem an.“

„Das ist die Kälte.“

„Das bin ich.“ Er grinste, sie hörte es an seiner Stimme. „Ich dachte, du seist die mit den Erklärungen.“

Sie lachte in das Tuch hinein, und der Eiswürfel rutschte von ihrem Rücken, hinterließ einen Fluss, der zwischen den Rippen verschwand. Jonas nahm einen neuen, hielt ihn eine Weile in der geschlossenen Hand, bis er an den Kanten rund wurde, und legte ihn in ihre Kniekehle. Dort war die Haut dünn wie Seidenpapier. Katharina stöhnte, ein überraschtes, tiefes Geräusch.

„Zu viel?“

„Nein. Nur ... sehr deutlich.“

„Deutlich ist gut.“ Er blieb bei ihr, bis der Würfel zu einer Pfütze wurde und sie zu zittern anfing, aus Kälte und aus noch etwas anderem. Dann hüllte er sie in ein warmes Handtuch, rieb ihr die Schultern, und der Dampf, der von ihr aufstieg, schien den Himmel zu berühren.

„Zurück in die Hitze?“, fragte er.

„Zurück in die Hitze.“

Drinnen wurde die Welt dunkelrot und still. Sie saßen schweigend nebeneinander, und die Kälte, die noch in ihrer Haut steckte, löste sich Stück für Stück in der Wärme, wie Zucker im Tee. Katharina lehnte den Kopf an seine Schulter.

„Das war“, sagte sie nach einer Weile, „das erste Mal seit Monaten, dass ich nicht nachgedacht habe.“

„Und?“

„Es ist erstaunlich ruhig da oben.“ Sie tippte sich an die Stirn. „Wir sollten das öfter machen.“

„Nächste Woche.“

„Mit mehr Eis.“

„Mit mehr Dramaturgie“, sagte Jonas, und sie schlug ihm mit dem nassen Handtuch auf den Arm.

◆
TL
Tobias Lenz

Schreibt über Hingabe, Besitz auf Zeit und die Spannung zwischen Hitze und Kälte. Klare Sprache, klare Absprachen, klare Bilder.

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