Dienen & Hingabe

Sonntagsdienst bei Frau Brandt

Der Sonntag begann für Ulrike um neun, mit dem Klingeln an einer Tür, die sie längst nicht mehr als Tür sah, sondern als Schwelle. Sie atmete durch, strich den Rock glatt, drückte den Klingelknopf mit dem Namensschild Brandt und wartete.

Frau Brandt öffnete im seidenen Morgenmantel, eine Tasse in der Hand. Sie war zweiundsechzig, pensionierte Schuldirektorin, mit silbernem Haar und einem Blick, vor dem jahrzehntelang Kinder verstummt waren. Ulrike war dreiundvierzig und Zahnärztin. Hier war sie nur die, die kam.

„Pünktlich", sagte Frau Brandt.

„Guten Morgen, Frau Brandt."

„Schuhe."

Ulrike zog sie aus, stellte sie ordentlich nebeneinander und nahm die Hausschuhe, die für sie bereitstanden, abgetretenes Leder, das sie liebte. Sie folgte Frau Brandt in die Küche, wo auf dem Tisch ein Zettel lag, handschriftlich, in einer Schrift wie gestochen.

1. Fenster im Wohnzimmer, innen und außen.
2. Die Blumen gießen. Die Orchidee nur mit Eiswürfeln, drei Stück.
3. Das Mittagessen: Kartoffelsuppe. Du weißt, wie.
4. Um halb zwölf: Tee.

„Fragen?"

„Keine, Frau Brandt."

„Dann los."


Es war ein merkwürdiges Glück, das sie bei der Arbeit überkam. Beim Fensterputzen, mit dem Tuch in kreisenden Bewegungen über das Glas, fiel die Woche von ihr ab: die Patienten, die Angst hatten, die Rechnungen, die Telefonate, das ewige Funktionieren. Hier musste sie nur das tun, was auf dem Zettel stand. Es war so einfach und so frei.

Sie goss die Orchidee mit Eiswürfeln. Sie schälte Kartoffeln, die Schalen in einer langen Spirale, wie Frau Brandt es mochte. Und als die Suppe leise blubberte, deckte sie den Tisch für zwei, ohne dass es ausgesprochen worden wäre.

Um halb zwölf brachte sie den Tee ins Wohnzimmer, Earl Grey, mit einem Hauch Zitrone, auf dem Tablett die zwei Tassen, die dünnen, mit dem Goldrand. Frau Brandt saß im Sessel am Fenster und sah hinaus. Das Glas war so klar, dass der Garten fast im Raum zu stehen schien.

„Das Fenster", sagte sie.

„Ja, Frau Brandt?"

„Man sieht es nicht." Sie wandte den Kopf. „Das ist das höchste Lob, das ich einem Fenster aussprechen kann."

Ulrike stellte das Tablett ab und spürte, wie ihre Wangen warm wurden.

„Setz dich."

„Hier, Frau Brandt?"

„Dort, zu meinen Füßen, auf das Kissen." Sie deutete auf das bestickte Polster, das an der Heizung lehnte. „Du hast dir die Pause verdient."

Ulrike setzte sich, den Rücken an Frau Brandts Sessel, die Tasse in beiden Händen. Eine Hand legte sich auf ihr Haar, sanft, ohne Eile, und strich es zurück. Sie schloss die Augen. Draußen zog eine Wolke über den Garten, und im Haus roch es nach Zitrone und Kartoffelsuppe.

„Weißt du, was ich an dir mag?", fragte Frau Brandt.

„Nein."

„Dass du nie etwas beweisen willst. Du tust es einfach. Und das mit einer Würde, die ich bei den wenigsten Menschen gesehen habe."

Ein Kloß stieg in Ulrikes Kehle. Sie trank rasch einen Schluck Tee. „Danke, Frau Brandt."

„Und nächsten Sonntag", sagte die ältere Frau, „bringst du dein Buch mit. Das mit den Gedichten. Ich möchte hören, wie du sie liest."

„Ich lese schlecht."

„Du liest wunderbar. Du weißt es nur nicht." Die Hand strich weiter, langsam, wie ein stiller Segen. „Und jetzt trink aus. Die Suppe wird kalt, und ich habe Hunger."

Ulrike lächelte in die Tasse. Es war Sonntag, es war Mittag, und nichts auf der Welt fehlte.

◆
CR
Clara Reuter

Schreibt über Kontrolle, Disziplin und Autorität mit Stil. Ihre Figuren führen ruhig, genau und mit einem Lächeln.

Das könnte dir auch gefallen

Dienen & Hingabe

Seidengrün und Rosmarin

Ein ruhiger Freitagabend, ein Tuch aus dunkelgrüner Seide und ein Wort, das nie gebraucht werden soll. Lena lernt, wie viel Hingabe in einem einzigen Nichtstun steckt.

Mira Sommer · 6 Min. Lesezeit
Dienen & Hingabe

Das Silberbesteck und die Haltung

Als Gäste zum Abendessen kommen, wird aus Elias' stillem Dienen eine kleine Inszenierung, die nur Rosalie und er wirklich verstehen.

Jule Wagner · 3 Min. Lesezeit
Dienen & Hingabe

Annikas Aufgabenbuch

In einem karierten Notizbuch hält Gregor jeden Abend die Aufgaben für Annika fest. Dass sie jede einzelne mit Stolz erfüllt, ist ihr größtes Geheimnis.

Mira Sommer · 3 Min. Lesezeit