Zimmer 412 und der falsche Schlüssel
Der Schlüssel passte nicht. Helene drehte die Karte zum dritten Mal im Schlitz, das Lämpchen blieb stur rot, und hinter ihr im Flur des vierten Stocks räusperte sich jemand.
„Entschuldigung", sagte eine tiefe Stimme. „Aber Sie stehen vor meiner Tür."
Sie drehte sich um. Der Mann war Mitte vierzig, hatte das Sakko über den Arm gelegt und ein Lächeln, das offenbar schon einen langen Tag hinter sich hatte. Er hielt eine Schlüsselkarte hoch, auf der ebenfalls 412 stand.
„Dann hat die Rezeption uns beiden dasselbe Zimmer gegeben", sagte Helene. „Das ist entweder ein Versehen oder Schicksal."
„Meine Erfahrung sagt: Versehen." Er hieß Aurel, wie sich herausstellte, war Restaurator, in der Stadt wegen einer Tagung über Kirchenfenster, und er hatte seit sechs Uhr morgens nichts mehr gegessen außer einem Keks.
Sie fuhren gemeinsam hinunter. Der Aufzug blieb zwischen zweitem und drittem Stock stehen, zuckte, seufzte und hielt dann ganz still. Das Licht flackerte einmal und wurde warm und gedämpft.
„Notbeleuchtung", sagte Aurel.
„Sehr schmeichelhaft", sagte Helene. „Ich sehe darin zwanzig Jahre jünger aus."
„Sie sehen darin aus wie jemand, der gleich etwas Unvernünftiges sagt."
„Ich sage nie etwas Unvernünftiges. Ich bin Steuerberaterin."
Er lachte, und der Aufzug war plötzlich sehr klein. Sie stand ihm gegenüber, so nah, dass sie die feine Linie sah, die sein Hemdkragen an seinem Hals hinterlassen hatte. Sie roch Zedernholz und Regen. Seit drei Jahren hatte sie nicht mehr bemerkt, wie ein Mann roch.
„Darf ich Ihnen etwas gestehen?", fragte er. „Ich habe Ihre Tagung gesehen. Heute Mittag, die Podiumsdiskussion zu den Abschreibungsfristen. Sie haben dem Moderator so höflich das Wort abgeschnitten, dass er sich noch bedankt hat."
„Das war Absicht."
„Ich weiß. Ich habe seitdem versucht, einen Grund zu finden, Sie anzusprechen."
„Und jetzt haben Sie einen."
„Die Technik hat mir geholfen." Er sah an die Decke. „Ich danke dem Aufzug."
Es ruckte, und die Türen öffneten sich im dritten Stock auf einen leeren Gang. Keiner von ihnen rührte sich.
An der Rezeption klärte sich alles in drei Minuten. Ein Doppelbuchung, ein Computerfehler, ein Zimmer 413 mit zwei Betten, das noch frei sei, tausend Entschuldigungen.
„Zwei Betten", wiederholte Helene.
„Das ist nicht zwingend", sagte der junge Mann hinter dem Tresen und wurde rot, als er begriff, was er gesagt hatte.
Sie aßen zuerst, weil Aurel sonst, wie er behauptete, in Ohnmacht gefallen wäre. In einer Weinstube um die Ecke teilten sie sich Käsespätzle und eine Flasche Riesling und redeten über Dinge, die nichts mit Steuern oder Fenstern zu tun hatten: über seine Mutter, die Bienen hielt, über Helenes erstes Fahrrad, über die Frage, ob man mit fünfundvierzig noch Pläne machen dürfe oder nur noch Termine.
Auf dem Rückweg regnete es. Sie liefen nicht, sie gingen, und jedes Mal, wenn ihre Schultern sich berührten, nahm keiner den Abstand zurück.
Vor der Tür von Zimmer 413 blieb Helene stehen und hielt die Karte in der Hand wie ein Pfand.
„Ich sollte jetzt etwas Vernünftiges sagen", meinte sie.
„Sie haben es doch versprochen."
„Ich sollte sagen, dass es spät ist." Sie hob den Blick. „Aber es ist gar nicht so spät."
Aurel nahm ihr die Karte aus den Fingern, hielt sie vor den Leser, und das Lämpchen sprang auf Grün. Er drückte die Tür auf, trat einen Schritt zurück und ließ ihr den Vortritt, mit einer Höflichkeit, die jeden Satz überflüssig machte.
Sie ging hinein. Er folgte ihr. Die Tür fiel leise ins Schloss, und der Gang, der Fehler und der ganze lange Tag blieben draußen, wo sie hingehörten.
Am nächsten Morgen, das erfuhr man später, blieb Zimmer 412 leer. Es hatte keiner vermisst.