Symbolbild

Fantasy & Historisch

Das Burgwochenende der Ottilie von Rabenstein

Das Landgut Rabenstein hatte vier Zinnen, die zusammen älter wirkten als sie waren, und eine Burgherrin, die sich jedes Jahr im September in Samt hüllte und zum Wochenende der alten Zeiten lud. Man trug Gewänder, aß mit den Fingern, sprach so gestelzt wie möglich und gab sein Telefon an der Pforte ab, in einem Korb mit Stroh.

Bertram legte seins hinein und kam sich vor wie ein Mann, der seine Rüstung abgibt. Er war einundvierzig, Notar, und seine Schwester hatte ihn mit den Worten angemeldet: „Du brauchst dringend einmal jemanden, der dir sagt, wo es langgeht.“

„Edler Herr“, sagte eine Frau auf dem Hof. Sie trug ein nachtblaues Kleid, einen Gürtel mit klirrendem Schlüsselbund und einen Blick, der Schlösser öffnete. „Ihr seid der Notar. Ich bin Ottilie, die Herrin dieses Hauses. Und Ihr habt das Wort Vasall auf Eurem Anmeldebogen nicht durchgestrichen.“

„Ich dachte, es sei ein Tippfehler.“

„Ihr habt es zweimal angekreuzt.“ Sie lächelte, und es war ein Lächeln mit Rand und Boden. „Lasst uns ein Wort wechseln, bevor das Fest beginnt. Außerhalb der Rolle.“

Sie führte ihn in eine Schreibstube, in der ein Kaminfeuer prasselte und auf dem Pult ein echtes Pergament lag. Ottilie ließ das Gestelzte fallen wie einen Umhang. Mit klarer, warmer Stimme fragte sie ihn, was er wolle, was er niemals wolle und was er sage, wenn er innehalten müsse.

„Ich weiß nicht, ob ich überhaupt etwas will“, gestand Bertram. „Ich bin es nur gewohnt, zu entscheiden.“

„Dann ist es das, was Ihr Euch am meisten wünscht: einmal nicht zu müssen.“ Sie schob ihm das Pergament zu. „Dreimal klopfen auf Holz heißt Halt. Ein Wort, das bei Euch bestimmt nicht vorkommt: Himbeermarmelade. Dann endet alles, sofort, ohne Fragen.“

„Himbeermarmelade“, wiederholte er und musste lachen. „Und der Rest?“

„Der Rest ist Spiel. Ihr dient mir bis Sonntag, Ihr tragt meinen Schlüsselbund und Ihr antwortet mit ‚Ja, Herrin‘, so oft ich es hören möchte.“ Sie hob eine Augenbraue. „Es kann also dauern.“

Er unterschrieb. Seine Hand zitterte nur ein wenig.

Der Samstag war ein einziger langer Hofdienst. Er trug Körbe, schenkte Met aus, hielt der Burgherrin den Sessel und wurde dafür mit kleinen, genau dosierten Dingen belohnt: einem Blick über den Rand des Humpens, einer Hand, die im Vorbeigehen seinen Kragen richtete und einen Herzschlag zu lang dort liegen blieb. Beim Festmahl saß er zu ihren Füßen auf einem Kissen und fütterte sie mit Trauben, weil sie es befahl. Zwei Gäste in Kettenhemden prosteten ihm zu. Er hatte noch nie in seinem Leben so wenig Verantwortung getragen und sich dabei so beschützt gefühlt.

Gegen Mitternacht, als der Saal sich leerte, stand sie vor ihm im Fackelschein.

„Ihr habt Euch gut gehalten, Vasall.“

„Ihr macht es mir leicht, Herrin.“

„Das ist die Aufgabe einer guten Herrin.“ Sie zog den Schlüsselbund von ihrem Gürtel und hielt ihn ihm hin, ein einzelner Eisenschlüssel baumelte daran. „Mein Gemach liegt im Nordturm. Siebenundsechzig Stufen. Ich zähle sie mit Euch, wenn Ihr wollt. Wenn nicht, bringe ich Euch zu Eurer Kammer, und wir frühstücken morgen, als wäre nichts gewesen.“

Bertram betrachtete den Schlüssel. Er dachte an Marmelade und an dreimal Klopfen und daran, wie lange er nicht mehr gefragt worden war, was er wollte.

„Siebenundsechzig“, sagte er. „Ich zähle laut.“

„Ich bitte darum.“

Sie nahm seine Hand, und er hörte sich bei der ersten Stufe „Eins“ sagen, mit einer Stimme, die ihm nicht ganz gehörte und ihm doch passte wie ein guter Mantel. Das Fackellicht warf ihre Schatten die Wand hinauf, als wären sie schon dort angekommen.

Bei der Stufe zweiundvierzig lachte sie leise, weil er sich verzählt hatte und beim Verbessern errötete. Bei der sechzigsten schwieg sie. Vor der Tür blieb sie stehen und drehte sich zu ihm um.

„Und, Vasall? Letzte Gelegenheit zur Flucht.“

„Der Notar in mir“, sagte Bertram, „möchte ausdrücklich zu Protokoll geben, dass er nicht fliehen will.“

Ottilie schloss die Tür hinter ihnen mit dem Eisenschlüssel. Das Klicken des Schlosses klang wie ein Satz, der zu Ende war und einen neuen begann.

◆
SB
Sophie Brandt

Erzählt von Liebe, Verwandlung und fernen Zeiten. Ihre Geschichten reichen von Schlössern und Theaterbühnen bis in den Sommerurlaub am Meer.

Das könnte dir auch gefallen

Fantasy & Historisch

Die Autorin und ihr Ritter

Elmira schreibt seit Jahren an einem Fantasyroman, bis ihr schwarzer Ritter eines Abends im Arbeitszimmer steht und Einwände gegen das dritte Kapitel hat.

Sophie Brandt · 3 Min. Lesezeit
Fantasy & Historisch

Die Bar ohne Namen, 1926

Ein Journalist sucht die geheimste Bar der Stadt und gerät an eine Sängerin, die Wetten liebt und ihre Regeln selbst schreibt.

Sophie Brandt · 3 Min. Lesezeit
Uniform & Rollenspiel

Kapitän auf der Havel

Fridtjof ist Kapitän für einen Tag auf einem gemieteten Motorboot, und Meike ist die Passagierin, die sich nicht an Bord-Regeln hält. Das Meer ist ein Fluss, das Spiel todernst.

Lena Falk · 3 Min. Lesezeit
Uniform & Rollenspiel

Der Nachtbesucher und die Bibliothekarin

Leontine führt die strengste Bibliothek der Stadt, und heute Nacht hat sich ein Besucher eingeschlichen, der Bücher nicht pünktlich zurückgibt und dafür büßen soll.

Marlene Vogt · 3 Min. Lesezeit
Rollentausch

Zimmer 412

Zwei Fremde an einer Hotelbar, so scheint es. Er spricht sie an, sie lässt ihn zappeln, und irgendwo zwischen Bar und Aufzug verschiebt sich, wer hier eigentlich führt.

Clara Reuter · 7 Min. Lesezeit
Uniform & Rollenspiel

Butler für ein Wochenende

Gesine hat sich zum Geburtstag einen Butler gewünscht. Rüdiger bringt Handschuhe, Silbertablett und eine Liste mit Regeln mit, die sie zum Lachen und zum Erröten bringt.

Marlene Vogt · 3 Min. Lesezeit
AnrufenIhre Tanzkarte · 2,49 €/Min