Rollentausch

Zimmer 412

Sarah sitzt seit zwanzig Minuten an der Hotelbar und hat ihren Weißwein kaum angerührt. Sie ist absichtlich früh gekommen. Das Kleid ist dunkelgrün und schmal geschnitten, der Stoff liegt kühl auf ihren Oberschenkeln, und in ihrer Handtasche steckt ein Zettel, den sie nicht braucht, weil sie ihn auswendig kennt. Drei Regeln, ein Wort. Kaffeetasse. Sie haben gelacht, als sie es gemeinsam ausgesucht haben, denn nichts passt weniger in eine Bar, und genau deshalb würde keiner von beiden es aus Versehen sagen.

Im Spiegel hinter den Flaschen sieht sie die Tür. Sie sieht ihn hereinkommen und wendet den Blick ab, bevor er ihren findet. Mit einunddreißig weiß sie, wie lange ein Blick dauern darf, damit er eine Frage bleibt und keine Antwort wird.

Dominik bleibt einen Atemzug länger im Eingang stehen, als nötig wäre. Er hat sich vorgenommen, sie wie eine Fremde zu behandeln, und nun, da sie dort sitzt, die Haare hochgesteckt, den Rücken gerade, ist es erschreckend leicht. Der Nacken gehört einer Frau, die er nicht kennt. Die Haltung sagt: „Sprich mich nicht an.“ Er ist fünfunddreißig und weiß, dass so etwas eine Einladung sein kann oder das Gegenteil, und dass in diesem Nichtwissen der ganze Reiz liegt.

Er setzt sich auf den Hocker neben ihr. „Ist hier noch frei?“

„Der Hocker steht da, wo er steht“, sagt Sarah, ohne den Kopf zu drehen. „Ob er frei ist, müssen Sie mit sich selbst ausmachen.“

„Dann habe ich es wohl schon ausgemacht.“ Er bestellt einen Whisky und lässt die Hand neben ihrem Glas auf dem Holz liegen, zwei Fingerbreit entfernt. Nicht mehr. „Sie warten auf jemanden.“

„Ich warte darauf, dass man mich in Ruhe lässt.“

„Die Ruhe hält in dieser Bar erfahrungsgemäß nicht lange.“ Er dreht sein Glas. „Und was geschieht, wenn sie vorbei ist?“

Jetzt sieht sie ihn an, kühl, mit gehobener Braue. Es ist der Blick, den sie für Kollegen aufhebt, die zu viel wollen. Dass ihr Herz dabei schneller schlägt, ist ihre Sache. „Dann gehe ich auf mein Zimmer.“

„Allein.“

„Natürlich allein.“

Er nickt langsam. Vor drei Tagen, am Küchentisch, hat er gesagt: „Im Spiel ist ein Nein ein Satz und kein Stoppschild. Das Stoppschild heißt Kaffeetasse.“ Sie hat genickt und dabei ein wenig rote Ohren bekommen. Jetzt hört er ihr Nein, nimmt es hin wie Wetter, über das man nicht streitet, und spielt weiter.

Sarah merkt, dass es Arbeit ist, ihn nicht anzusehen. Das Nein liegt ihr leicht auf der Zunge, gerade weil es nichts kostet. Er riecht nach Zedernholz und Regen, seine Manschetten sind zweimal umgeschlagen, wie bei jemandem, der gleich etwas Sorgfältiges tun wird.

„Geben Sie mir Ihre Hand“, sagt er leise.

„Nein.“

„Dann legen Sie sie dorthin, wo ich sie sehen kann.“

Es ist keine Bitte und kein Befehl, es ist etwas dazwischen, ein Ton, bei dem sich ihre Schultern senken, bevor sie es verhindern kann. Sie legt die Hand auf die Bar, die Fläche nach unten, neben das Glas. Er betrachtet sie, nicht Sarah, nur die Hand, so lange, dass sich ihre Haut zusammenzieht, als berührte er sie.

„Danke.“

„Ich habe nichts für Sie getan.“

„Doch. Sie haben es nicht verweigert.“

Sie hasst, wie recht er hat. Und sie genießt es.

„Ich wohne im vierten Stock“, sagt er, den Blick im Glas. „Zimmer 412. Ich lade Sie nicht ein, das wäre unhöflich. Ich nenne Ihnen nur die Nummer.“

Sarah schiebt ihr Glas von sich, noch immer fast voll, und nimmt ihre Tasche. „Mein Zimmer liegt zufällig ebenfalls im vierten Stock. Das ist ein Zufall, und mehr nicht.“

„Selbstverständlich“, sagt Dominik, lässt seinen Whisky unberührt stehen und folgt ihr, einen halben Schritt zu weit hinten.

Der Aufzug ist verspiegelt, und Dominik sieht sich darin neben ihr stehen, zwei Fremde mit viel zu geraden Rücken. Er hat die Hand schon nach dem Knopf für den vierten Stock ausgestreckt, als sie sein Handgelenk nimmt, nicht fest, nur bestimmt, und seine Hand wieder sinken lässt.

„Das mache ich“, sagt Sarah. Sie drückt die Vier. Dann dreht sie sich zu ihm, zum ersten Mal ganz, und er spürt den Moment, in dem sich etwas verschiebt, so deutlich, als hätte jemand das Licht gewechselt. Die Unnahbare ist verschwunden. Die Frau vor ihm hat die Augen eines Menschen, der sich entschieden hat.

„Sie haben mich lange angesehen“, sagt sie. „Jetzt sehe ich Sie an. Hände an die Seiten.“

Er will etwas sagen, einen Scherz, einen letzten Rest seiner Rolle. Es kommt nichts. Seine Hände legen sich an die Hosennähte, als hätten sie nie etwas anderes getan. Sarah tritt nah heran, so nah, dass er ihr Parfüm riecht, Vanille und etwas Bitteres wie Orangenschale, und richtet ohne Eile seinen Krawattenknoten, der gar nicht schief ist. Ein Finger fährt unter den Kragen, am Hals entlang, und bleibt am Puls liegen.

„Schneller als vorhin“, stellt sie fest.

„Ja.“

„Alles gut?“ Ihre Stimme verlässt die Rolle nicht, sie wird nur eine Spur weicher, und er hört darin die zweite Frage, die darunter liegt, die echte, die sie sich geschworen haben, nie zu vergessen.

„Alles gut“, sagt er. „Die Tasse bleibt im Schrank.“

„Gut.“ Der Aufzug hält mit einem leisen Ton. „Sie gehen nicht vor. Ich gehe vor, Sie folgen mir, und Sie sehen auf den Teppich.“

Der Flur ist lang und still, die Wandlampen werfen warme Halbkreise an die Tapete. Sarah geht voran, ihre Absätze versinken lautlos im Teppichflor, und sie spürt ihn im Rücken wie eine Wärmequelle. Dass er gehorcht, ohne dass sie sich umdrehen muss, berauscht sie, und sie ist dabei nüchterner als je zuvor. Sie hat sich vorgestellt, die Unnahbare nur zu spielen, glatt und kühl wie das Glas an der Bar. Sie hat nicht geahnt, wie sehr es ihr gefällt, wenn jemand wartet, bis sie spricht.

Vor der Tür mit der Nummer 412 steht ein Tablett vom Zimmerservice, die Reste eines fremden Abendessens, und daneben eine einzelne weiße Kaffeetasse, noch halb voll. Sarah bleibt stehen. Hinter ihr atmet Dominik hörbar aus, und sie weiß, dass er im selben Moment gegen ein Lachen kämpft wie sie. Ihre Mundwinkel zucken. Sie dreht sich nicht um.

„Kein Wort“, sagt sie.

„Ich habe nichts gesagt.“

„Gut. Die Karte.“

Er legt sie ihr in die Hand, die Kante noch warm von seiner Jackentasche. Das Schloss summt, ein grünes Licht, die Tür gibt nach. Sarah bleibt auf der Schwelle stehen und zieht aus ihrer Handtasche ein Seidentuch, schwarz, weich wie Wasser.

„Schließ die Augen“, sagt sie, und es ist das erste Du an diesem Abend. Es klingt nach ihnen beiden. „Nur wenn du willst.“

Dominik sieht sie noch einen Augenblick an, die Fremde, die keine ist, die einzige Frau, der er das hier erlauben würde. „Ja“, sagt er und schließt die Augen.

Sie hängt das Schild „Bitte nicht stören“ an die Klinke, nimmt seine Hand und führt ihn hinein. Die Tür fällt leise ins Schloss. Draußen im Flur bleibt die Kaffeetasse stehen. Ihr Wort wird heute Nacht nur fallen, wenn einer von beiden es braucht, und dann zählt es mehr als alles andere.

Ende

Draußen tobt das Gewitter, drinnen führt Mara. Tobias liegt mit verbundenen Augen da und weiß nicht, was als Nächstes kommt.

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Ich bin 18 oder älter
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CR
Clara Reuter

Schreibt über Kontrolle, Disziplin und Autorität mit Stil. Ihre Figuren führen ruhig, genau und mit einem Lächeln.

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