Humor & Pannen

Das Paket bei Herrn Wendland

Der Zettel im Briefkasten war handgeschrieben und eindeutig. Paket für Sie bei Wendland, 2. Stock links. Gruß, Ihr Zusteller.

Greta las ihn zweimal. Dann setzte sie sich auf die Treppenstufe im Hausflur, weil ihre Knie das vorschlugen.

In dem Paket lag ein Geschenk für Matteo. Ihr Jahrestag, zehn Jahre, und Matteo hatte sich seit Monaten etwas gewünscht, das er nie laut aussprach, sondern nur umkreiste, mit Blicken und Suchverläufen, die er für unsichtbar hielt. Lederne Manschetten, weich gefüttert, dazu eine Augenbinde aus Seide. Der Versandhändler hatte versprochen: neutraler Karton, neutraler Absender. Der Karton war neutral gewesen. Aber Herr Wendland war es nie.

Herr Wendland, achtundsechzig, ehemaliger Studienrat für Geschichte, kommentierte das Haus. Die Mülltrennung. Die Fahrräder im Flur. Einmal hatte er die Länge von Matteos Besuchszeiten beim Zahnarzt kommentiert.

Greta klingelte. Die Tür ging sofort auf, als hätte er dahinter gestanden.

„Frau Brandl! Ich habe Sie erwartet." Er trug eine Strickjacke und einen Gesichtsausdruck, den sie sonst nur bei Quizsendungen an ihm kannte. „Das Paket steht im Wohnzimmer. Es war ein wenig schwer, deshalb habe ich es nicht heruntergetragen."

„Das ist sehr freundlich."

„Es hat sich beim Tragen bewegt", sagte er. „Etwas Metallisches. Ich will nichts sagen."

„Sie wollen nie etwas sagen, Herr Wendland."

„Eben." Er räusperte sich. „Es hat sich nämlich der Karton geöffnet. Ein Stück. Die Klebung war, sagen wir, preisgünstig."

Greta schloss die Augen. „Und?"

„Ich habe hineingesehen. Bevor ich wusste, was es ist." Er sah an ihr vorbei auf die Garderobe. „Und danach noch einmal, um sicher zu sein, dass ich es nicht falsch verstanden habe."

Es entstand eine Pause, in der man den Kühlschrank summen hörte.

„Zehn Jahre", sagte Greta schließlich, tapfer. „Unser Jahrestag."

„Gratulation", sagte Herr Wendland, und dann, weil er Lehrer war, fügte er hinzu: „Die Verarbeitung ist übrigens ordentlich. Ich habe die Nähte geprüft."

Sie starrte ihn an. Er starrte zurück. Und dann, ganz langsam, begann sein Schnurrbart zu zucken.

„Ich war vierzig Jahre verheiratet, Frau Brandl", sagte er. „Meine Hanni hätte sich für so etwas totgelacht. Und danach hätte sie es sofort bestellt."

Greta lachte, ein Prusten, das sich nicht aufhalten ließ. Herr Wendland holte ein Taschentuch heraus und tat, als sei es der Staub.

„Ich bringe Ihnen das Paket runter", sagte er schließlich. „Und über den Inhalt werde ich schweigen wie ein Grab. Ich sage nur: Ihr Mann hat Glück."

„Er weiß es noch gar nicht."

„Dann umso besser." Er trug den Karton selbst, Stufe für Stufe, und stellte ihn vor ihre Tür. „Und Frau Brandl? Die Klebung. Nächstes Mal bitte Paketband. Das hält."


Am Abend saß Matteo auf dem Sofa und starrte auf die geöffnete Schachtel, und Greta erzählte die ganze Geschichte, von der Treppe bis zum Schnurrbart.

„Er hat die Nähte geprüft?", fragte Matteo mit erstickter Stimme.

„Ordentlich, sagte er."

Matteo lachte, bis er sich die Augen wischen musste. Dann nahm er die Augenbinde in die Hand, fuhr mit dem Daumen über die Seide und sah Greta an, auf diese Weise, die sie seit zehn Jahren nicht müde wurde zu sehen.

„Danke", sagte er leise. „Für alles. Auch für die Nähte."

„Gern geschehen." Sie nahm ihm die Binde aus der Hand. „Und jetzt dreh dich um. Ich bin noch nicht fertig mit dir."

Am nächsten Morgen lag vor ihrer Tür eine Rolle Paketband. Dazu ein Zettel, in akkurater Lehrerschrift: Zu Ihrer freien Verwendung. W.

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LF
Lena Falk

Schreibt über Stimmen, Rollen und die Macht der leisen Töne. Ihre Geschichten spielen gern zwischen Büro, Telefon und später Abendstunde.

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