Der erste Vertrag auf weißem Papier
Der Entwurf lag seit drei Wochen in Rosalies Schublade, zwischen Steuerbescheiden und Gutscheinen, die sie nie einlöste. Zwei Seiten, handgeschrieben, mit Durchstreichungen. Sie war Grundschullehrerin und konnte nicht anders, als alles zu korrigieren, sogar ihre Wünsche.
„Du bist nervös", stellte Gregor fest. Er saß ihr gegenüber am Küchentisch, im Pullover, den sie ihm vor einem Jahr gestrickt hatte, schief an den Ärmeln. Fünfzig, Busfahrer, Hobbyimker, ein Mann, der sich vor nichts fürchtete außer vor Zahnärzten.
„Ich bin nicht nervös. Ich bin gründlich."
„Das ist dasselbe, nur mit besserer Handschrift." Er schob ihr den Kaffee hin. „Lies vor."
Sie räusperte sich. „Präambel. Wir, die Unterzeichnenden …"
„Rosalie."
„Was?"
„Sag es einfach, wie du es meinst."
Sie atmete aus und legte das Blatt hin. „Ich möchte, dass du die Entscheidungen triffst, die ich nicht treffen will. Was wir essen. Wann ich ins Bett gehe, wenn ich wieder bis Mitternacht Klassenarbeiten korrigiere. Dass du mir ab und zu sagst: Es reicht jetzt. Und dass ich dir glauben darf."
Er lehnte sich zurück. Sie sah, wie sich sein Kiefer entspannte, sah seine Augen weicher werden. Es war der Blick, den er hatte, wenn sie ihm morgens den Honig reichte.
„Weiter", sagte er.
„Rituale. Jeden Morgen eine Tasse Kaffee, die du mir bringst, und ich knie nicht, ich sitze nur, aber ich schaue dich an, bevor ich trinke. Als Zeichen." Sie lachte kurz auf. „Das klingt lächerlich."
„Das klingt nach dir."
„Abends legst du mir die Kette um." Sie berührte die silberne Gliederkette an ihrem Hals, schlicht genug, um im Lehrerzimmer als Schmuck durchzugehen. „Und ich ziehe sie erst aus, wenn du es erlaubst. Aber nur zu Hause."
„Und die Sicherheitsklauseln?"
„Stehen auf Seite zwei. Safeword, eine monatliche Aussprache, und jeder von uns kann den Vertrag kündigen, wann er will."
„Und wenn ich ihn kündige?"
„Dann bist du ein Idiot." Sie sah ihn an. „Aber ich würde es respektieren."
Er nahm den Kugelschreiber, kontrollierte, ob er schrieb, und setzte seinen Namen darunter, sorgfältig, mit der Schrift eines Mannes, der Fahrpläne unterschrieben hatte. Dann drehte er das Blatt zu ihr.
„Du musst auch unterschreiben."
„Das weiß ich."
Aber ihre Hand zitterte, und er bemerkte es und legte seine darüber, warm, groß, ruhig. „Rosalie. Das hier ist nur Papier. Es ändert nichts an dem, was wir sind. Es sagt nur, dass wir es wissen."
„Dann ist es das Schönste, was ich je geschrieben habe."
Sie unterschrieb. Der Kaffee war längst kalt, und ein einzelner Fleck zierte die Ecke des Blattes, wie ein Stempel, den niemand bestellt hatte.
„Ich schlage vor", sagte Gregor und stand auf, „dass wir mit dem ersten Ritual gleich anfangen. Setz dich."
„Ich sitze schon."
„Dann sieh mich an."
Sie tat es. Er ging um den Tisch, nahm die Kette zwischen zwei Finger und strich einmal über ihren Nacken, so leicht, dass es fast wehtat.
„Gut", sagte er leise. „Ab heute gilt es."
Am Kühlschrank hing der Vertrag bis zum Frühjahr, unter einem Magneten in Form einer Biene.