Kamillentee nach der Spielparty
Im Ruheraum der Spielparty roch es nach Kamille und Lavendel, und Hanna saß in eine Wolldecke gewickelt auf einem Sofa, das für gut tausend Abende Trost gebaut schien. Auf ihren Knien lag ein Kissen, in ihren Händen eine Tasse. Ihre Finger zitterten ein wenig, was ihr überhaupt nicht peinlich war. Das war das Erstaunlichste.
Neben ihr hockte Leander, noch im schwarzen Hemd, die Ärmel aufgekrempelt, und hielt eine zweite Tasse, die er nicht trank. Er war fünfundvierzig, Physiotherapeut, und hatte ihr vor drei Stunden an der Garderobe gesagt: „Wir gehen so weit, wie du willst. Und kein Zentimeter weiter."
Sie hatte nicht geglaubt, dass es so weit gehen würde.
Es war ihre erste Party gewesen. Dunkle Räume, gedämpftes Licht, leise Musik, Menschen mit Namensschildern wie auf einer Fortbildung, was sie beruhigend komisch gefunden hatte. Es gab Regeln an der Wand, sauber laminiert. Einen Sicherheitsdienst in Westen, der freundlich nachfragte, wenn jemand zu laut klang. Und dann war da dieser Moment gewesen, in einer Nische, mit Leanders ruhiger Stimme an ihrem Ohr, als etwas in ihr einfach losließ, wie ein Knoten, den sie jahrelang nicht bemerkt hatte.
„Wie geht es dir?", fragte er jetzt.
„Komisch." Sie lachte, und es klang nass. „Gut. Leer. Als hätte mir jemand das Hirn durchgespült."
„Das nennt man Drop, wenn es später kommt. Heute ist es der Nachglanz." Er stellte seine Tasse ab. „Möchtest du, dass ich näher rücke, oder lieber Abstand?"
„Näher."
Er schob sich neben sie, ließ ihr die Decke und legte nur den Arm um ihre Schultern, locker, ohne Gewicht. Sie lehnte den Kopf an ihn, hörte sein Herz, ruhig und gleichmäßig.
„Du hast dein Wort nicht gebraucht", sagte er.
„Ich wusste, dass ich es hätte."
„Das ist der Unterschied." Er strich ihr langsam über den Oberarm. „Du darfst übrigens weinen. Oder schlafen. Oder Schokolade essen. Ich habe welche dabei."
„Gibt es einen Kommentar zur Schokolade in den Regeln?"
„Paragraph vierzehn. Zucker ist erlaubt."
Sie prustete in die Tasse. Der Tee schwappte, und er nahm ihr das Gefäß ab, bevor etwas auf die Decke fiel, mit einer Selbstverständlichkeit, die ihr die Tränen in die Augen trieb. Nicht Trauer, nur Rührung, weil jemand gesehen hatte, was sie brauchte, noch bevor sie es aussprach.
„Danke", sagte sie leise.
„Wofür?"
„Dafür, dass du das hier genauso ernst nimmst wie das da vorhin."
„Das hier ist das, wofür das da vorhin gemacht ist." Er sagte es ohne Pathos, einfach als Wahrheit. „Ohne das hier wäre es nur Lärm."
Draußen, jenseits der Vorhänge, wurde die Musik langsamer, wie ein Herz, das zur Ruhe kam. Jemand lachte leise, jemand schenkte irgendwo Wasser nach. Hanna schloss die Augen und merkte, wie die Müdigkeit warm und schwer in sie hineinsank.
„Bleibst du?"
„Bis die Tasse leer ist", sagte Leander. „Und dann bringe ich dich nach Hause. Und morgen früh rufe ich an, um zu hören, wie du geschlafen hast."
„Das ist auch eine Regel?"
„Das ist meine eigene."
Sie lächelte, schon halb im Schlaf, und die Kamille duftete weiter durch den Raum.