Dienen & Hingabe

Der Frühstückstee um sieben

Der Wecker klingelte um 6:15 Uhr, und Theo war schon wach. Das war er immer. Er lag auf dem Rücken, hörte Mathilde neben sich atmen und genoss die Viertelstunde, in der die Welt noch ihm gehörte und er trotzdem schon dazugehörte, zu dem, was er tun würde.

Er stand leise auf. Im Bad wusch er sich, zog das weiße Hemd an, das sie ihm gekauft hatte, und band sich die Schürze um, die schlichte, graue. In der Küche stellte er den Wasserkocher an und holte das Porzellan aus dem Schrank: die Kanne mit dem Kirschzweig, die dünnwandige Tasse, den kleinen Löffel, den man nicht klappern lassen durfte.

Er war einundfünfzig. Lehrer, in der Woche streng gegen sechzig Vierzehnjährige, die ihm auf der Nase herumtanzten. Und hier, in dieser Küche, zwischen Dampf und Teeblättern, war er der ruhigste Mensch der Welt.

Der Darjeeling musste genau drei Minuten ziehen. Er stellte die Eieruhr, nicht weil er sie brauchte, sondern weil das Ritual sie brauchte. Währenddessen schnitt er eine Scheibe Brot, bestrich sie dünn mit Butter, legte zwei Erdbeeren daneben, vom Wochenmarkt, sorgfältig ausgesucht.

Das Tablett. Die Serviette, zum Dreieck gefaltet. Eine einzelne Blüte, heute der Rest Wicken aus dem Garten.


Er klopfte zweimal an die Schlafzimmertür, die offen stand. Das gehörte dazu.

„Herein", murmelte Mathilde, die Stimme noch weich vom Schlaf. Sie saß halb aufgerichtet im Bett, das Haar zerzaust, und sah ihn an wie jemanden, den sie jeden Morgen aufs Neue entdeckte.

„Guten Morgen, Mathilde. Es ist sieben Uhr. Dein Tee."

„Du bist pünktlich."

„Ich bin immer pünktlich."

„Das ist das Schöne an dir." Sie nahm die Tasse mit beiden Händen und roch daran, die Augen geschlossen. „Darjeeling. Zweiter Aufguss?"

„Erster Aufguss, Frühlingspflückung. Ich dachte, du hättest dir etwas Gutes verdient."

Sie trank einen Schluck. Er stand neben dem Bett, die Hände auf dem Rücken, und wartete, wie er gelernt hatte, zu warten: nicht ängstlich, sondern gespannt. Es war dieser Moment, auf den alles hinausließ, die Sekunde, in der sie die Tasse absetzte und etwas sagte.

„Perfekt", sagte sie.

Das Wort ging durch ihn hindurch wie ein warmer Strom. Er neigte den Kopf. Er hatte oft versucht, jemandem zu erklären, was dieses Wort in ihm auslöste, und es nie geschafft.

„Danke, Mathilde."

„Komm her." Sie klopfte neben sich auf die Matratze. „Setz dich, nur fünf Minuten. Das Brot gehört dir auch."

„Das ist dein Frühstück."

„Das ist ein Befehl." Ihre Augen blitzten. „Mach den Mund auf."

Er setzte sich, und sie brach das Brot und fütterte ihn mit der Hälfte, zärtlich, als wäre er etwas Zerbrechliches. Er schloss die Augen. Die Butter schmolz, die Erdbeere platzte süß. Draußen zwitscherte der erste Spatz.

„Heute Abend", sagte sie, „erwarte ich dich um sechs mit dem Abendessen. Das Rindsgulasch von letzter Woche. Und die Küche bleibt sauber."

„Zu Befehl."

„Und wenn du alles richtig machst..." Sie ließ den Satz in der Luft hängen und trank noch einen Schluck. „Dann überlege ich mir etwas Hübsches für dich."

„Ich werde alles richtig machen."

„Ich weiß." Sie lehnte den Kopf an seine Schulter. „Das weiß ich seit dem Tag, an dem du mir zum ersten Mal Tee gebracht hast und dich entschuldigt hast, dass er zu heiß war."

„Er war zu heiß."

„Er war wunderbar", sagte sie, und er spürte ihr Lächeln durch den Stoff seines Hemdes. „Geh jetzt. Die Schüler warten. Aber komm heute Abend zurück zu mir, ja?"

„Immer", sagte er, stand auf, nahm das leere Tablett und ging, den Rücken gerade und das Herz leicht, hinaus in einen Tag, der schon gut begonnen hatte.

◆
LF
Lena Falk

Schreibt über Stimmen, Rollen und die Macht der leisen Töne. Ihre Geschichten spielen gern zwischen Büro, Telefon und später Abendstunde.

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