Die Feder und der Regenabend
Es regnete seit dem Mittag, ein gleichmäßiges, freundliches Rauschen, das Viola schon als Kind für die beste Geräuschkulisse der Welt gehalten hatte. Sie hatte die Wohnung vorbereitet: Kerzen auf dem Fensterbrett, die Heizung eine Stufe höher gedreht, ein Handtuch auf dem Sofa. Und auf dem Couchtisch, wie ein Schatz, ein Schuhkarton.
Anselm stand im Türrahmen, noch den nassen Schirm in der Hand. „Du hast mir gesagt, ich soll nichts mitbringen außer Zeit."
„Und?"
„Ich habe dreieinhalb Stunden. Der Zug zurück geht erst morgen." Er lächelte schief. „Was ist in der Kiste?"
„Das erfährst du, wenn du dich setzt. Und wenn du Ja sagst."
„Zu was?"
„Zu einer Augenbinde. Zu meiner Regie. Und zu dem Wort, das du jederzeit benutzen darfst."
„Safeword", sagte er. „Wir hatten das schon. Kaffeesatz."
„Gut. Kaffeesatz, und ich höre auf, ohne Fragen." Sie hielt ihm die schwarze Seidenbinde hin. „Ja?"
„Ja."
Sie band sie ihm um, locker, aber sicher, und sah, wie seine Schultern sich senkten. Er war fünfundvierzig, Architekt, ein Mann, der Pläne las und Fristen kannte und seit Jahren keinen Abend mehr verbracht hatte, an dem er nichts entscheiden musste.
„Jetzt", sagte sie dicht an seinem Ohr, „hörst du nur zu. Wie viele Geräusche zählst du?"
„Regen. Die Heizung. Dein Atem."
„Vier fehlen noch."
Sie ließ ihn warten. Dann kam die erste Feder, ein weicher grauer Flaum aus Gänsedaunen, der kaum zu spüren war, als sie ihm über den Handrücken strich. Er zuckte, nicht aus Schreck, eher aus Ungläubigkeit.
„Das ist doch …"
„Pst. Du darfst raten, was es ist, aber nicht, wohin es als Nächstes geht."
Die zweite Feder war steif, der Kiel fast ein Pinsel, und sie zog ihn langsam am Unterarm entlang, vom Handgelenk zur Armbeuge. Anselm atmete aus, hörbar. Die dritte, ein Pfauenauge, das sie auf dem Flohmarkt gefunden hatte, kitzelte im Nacken, und er lachte leise, ein Laut, den sie sehr gern mochte.
„Pfau", flüsterte er.
„Angeber."
„Ich oder die Feder?"
„Beide."
Sie arbeitete sich Schicht um Schicht vor, nie hastig. Sie wechselte die Richtung, die Geschwindigkeit, manchmal berührte sie ihn gar nicht, hielt die Feder nur knapp über die Haut, damit er die Luft spürte, die sie bewegte. Er begann, sich zu entspannen, wie ein Instrument, das nach und nach gestimmt wird. Irgendwann sagte er, ganz leise: „Ich glaube, ich habe vergessen, wie sich das anfühlt."
„Wie was?"
„Nichts leisten zu müssen."
Sie legte die Feder weg und strich mit der flachen Hand über seine Wange. „Dann bleib noch ein bisschen da."
Draußen rauschte der Regen weiter. Eine Stunde verging, vielleicht zwei. Als sie ihm schließlich die Binde abnahm, blinzelte er in den Kerzenschein wie jemand, der aus einem langen, guten Schlaf kommt.
„Wie viele Geräusche?", fragte sie.
„Sieben", sagte er. „Und eins davon warst du, als du gelächelt hast."
„Das kann man nicht hören."
„Doch. Wenn man lange genug zuhört." Er zog sie an sich, und der Karton glitt vom Tisch, und die Federn stoben auf wie kleine Schneeflocken im Kerzenlicht.
„Die Wohnung sieht aus wie ein Hühnerstall", murmelte sie.
„Wir räumen morgen auf", sagte Anselm. „Der Zug geht erst mittags."
Sie löschte die Kerzen, eine nach der anderen, und im Dunkeln hörte man nur noch den Regen und zwei Menschen, die sich nicht mehr beeilten.