Konferenzraum B ist schalldicht
Die Wette war Stefans Idee gewesen, wie die meisten schlechten und guten Ideen im Haus.
„Du präsentierst um zehn", hatte er am Morgen gesagt, in der Kaffeeküche, ein Löffel Zucker zwischen zwei Fingern. „Ich sitze am Kopfende. Wenn ich es schaffe, dir während der Präsentation ein Lächeln zu entlocken, das du nicht bei Folie zwölf eingeplant hast, zahlst du das Abendessen."
„Und wenn nicht?"
„Dann zahle ich. Und du darfst aussuchen, wohin."
Birgit war einundvierzig, Leiterin Produktentwicklung, und hatte in ihrem Berufsleben schon Messehallen, Rechtsstreitigkeiten und einen Rohrbruch im Serverraum überstanden. Sie hielt Stefan für einen guten Chef, einen sehr guten sogar, und seit dem Betriebsausflug im Juni auch für einen Mann, bei dem man aufpassen musste, nicht im Gespräch zu verlernen, wie man Sätze beendet.
„Abgemacht", sagte sie. „Aber wenn du das Handy benutzt, ist das Betrug."
„Ich benutze nur Blicke."
Um zehn Uhr stand sie vor acht Menschen im schwarzen Kleid, das sie extra für Vorstandsrunden gekauft hatte, den Clicker in der Hand, und eröffnete mit einem Satz über Lieferketten. Stefan saß am Kopfende, die Arme locker verschränkt, und sah sie an wie jemand, der gerade ein sehr gutes Buch aufschlägt.
Folie drei: Marktanalyse. Er hob die linke Augenbraue, sehr leicht. Sie behielt das Gesicht.
Folie fünf: Kostenstruktur. Er nahm seinen Kugelschreiber und begann, ihn langsam zwischen den Fingern zu drehen, genau im Rhythmus ihrer Stimme. Sie hielt kurz inne, sah auf ihre Notizen, fand den Faden wieder.
Folie acht. Er schob seine Brille ein Stück die Nase herunter und sah sie darüber an, und sie bemerkte, dass sie das Wort „Skalierbarkeit" zum ersten Mal in ihrem Leben mit zu viel Betonung aussprach.
„Alles in Ordnung, Frau Winter?", fragte der Finanzvorstand.
„Bestens", sagte Birgit. „Nur ein Frosch."
„Im Konferenzraum?"
„Im Hals."
Stefan senkte den Blick auf seine Unterlagen, und die Schultern bebten ein winziges Stück. Das war das erste Mal, dass sie ihn lachen sah, ohne dass er einen Laut machte. Es war ein Anblick, der sie völlig aus dem Konzept hätte werfen können.
Sie sah ihn an, zum ersten Mal direkt, während sie Folie zwölf aufrief, und lächelte sehr ruhig.
„Zum Abschluss", sagte sie, „möchte ich auf ein Missverständnis hinweisen, das zwischen Planung und Umsetzung häufig entsteht: Wer führt eigentlich?"
Im Raum wurde es still.
„Die Antwort", fuhr sie fort, „lautet: Es hängt davon ab, wer mehr Geduld hat. Danke für Ihre Aufmerksamkeit."
Der Applaus war höflich. Stefan klatschte als Letzter und am längsten.
Nachher, im Aufzug, standen sie allein. „Das war kein Lächeln", sagte sie. „Das war ein Zwinkern. Ich habe gewonnen."
„Du hast Folie zwölf umgeschrieben."
„Ich habe sie ergänzt."
„Und mich vor dem Vorstand entlarvt."
„Ich habe lediglich Ihre Frage beantwortet, Herr Dr. Auer." Sie drückte den Knopf zur Tiefgarage. „Zwanzig Uhr, Restaurant Ihrer Wahl. Sie zahlen."
„Ich dachte, ich darf aussuchen?"
„Sie dürfen ein Restaurant aussuchen. Aber ich bestelle." Der Aufzug fuhr an, und in der Spiegelwand sah er, wie sie ihre Haare zurechtstrich, sehr zufrieden. „Und diesmal, Stefan, redest du nicht über Quartalszahlen."
„Worüber dann?"
„Das werde ich dir sagen, wenn du mir Wein einschenkst."