Das Haus am See – Teil 4: Morgennebel
Am Sonntag roch das ganze Haus nach Zwiebeln, Thymian und Butter.
Matthias hatte den Tisch gedeckt wie eine Werkbank: nichts Überflüssiges, alles am richtigen Platz. Zwei Teller, zwei Gläser, eine Kerze in einem Marmeladenglas. Der Strom war längst wieder da, aber er hatte die Petroleumlampe trotzdem angezündet. „Aus Aberglauben", sagte er. „Sie hat mir damals Glück gebracht."
Anna trug die Wolljacke, die sie seit drei Wochen nicht ausgezogen hatte, und fühlte sich wie jemand, der kurz vor einer Prüfung ist, auf die er sich freut.
Sie aßen langsam. Es gab Pilze und Nudeln, die er selbst gemacht hatte, und Wein, den sie nur zur Hälfte tranken. Sie redeten über das Manuskript, das nun fast fertig war, über seine Schwester, die ihn „den Bretterbürgermeister" nannte, über Dinge, die man Fremden nicht erzählt. Dann schob er den Teller zur Seite und zog ein gefaltetes Blatt aus der Brusttasche.
Ihren Zettel. Und darunter ein zweites, in seiner Handschrift.
„Du hast mir drei Wünsche geschrieben", sagte er. „Ich habe drei Antworten. Und ein paar Fragen, die ich nicht umgehen will."
Sie las. Ja, jeden Morgen. Ja, ich sage dir, wann Schluss ist, aber du darfst jederzeit widersprechen. Und: Du musst nie wieder denken, ob du darfst, dafür bin ich da. Aber du darfst jederzeit sagen: Ich darf nicht. Darunter standen Dinge, die sie erröten ließen und lachen, Dinge, die er nicht wollte, Dinge, die er nur wollte, wenn sie es auch wollte. Und am Ende ein Satz: Nach jedem Abend sitzen wir zusammen, und ich frage, wie es dir geht. Das ist nicht verhandelbar.
„Das ist Aftercare", sagte Anna.
„Das ist Anstand", sagte Matthias. „Mit einem schöneren Namen."
Sie nahm den Stift, den er neben das Salz gelegt hatte, und setzte ihren Namen darunter. Er unterschrieb daneben, schief, wie jemand, dessen Hand zum ersten Mal zittert. Er hatte also doch nicht alles nachgemessen.
„Du darfst mich küssen", sagte sie.
„Ich frage trotzdem."
„Dann frag."
„Darf ich?"
„Ja."
Er stand auf, nahm ihr Gesicht in die Hände, als wäre es etwas Geschnitztes, das man nicht verletzen wollte, und küsste sie lange, ruhig, mit der Geduld von drei Wochen. Als sie sich lösten, hielt sie sich an seinem Hemd fest.
„Oben", sagte er. „Wenn du möchtest. Und wenn nicht, trinken wir noch einen Tee, und das ist ebenfalls ein sehr guter Abend."
„Ich möchte."
Die Tür zu ihrem Zimmer schloss sich hinter ihnen. Was dahinter geschah, gehört nur den beiden und dem Haus, das sich im Wind ein wenig streckte.
Anna wachte im grauen Licht auf, warm, schwer und völlig ruhig. Neben ihr lag Matthias, den Arm um sie, und sie hörte seinen Atem. Am Abend zuvor hatte er sie in die Wolldecke gehüllt, ihr Wasser gebracht, gefragt, wie es ihr gehe, und sie hatte geantwortet: „Wie ein Boot, das endlich im Hafen liegt."
Sie schlich sich hinaus, ohne ihn zu wecken, und ging barfuß hinunter zum Steg. Der See war verschwunden. Nebel lag auf dem Wasser, dicht und weiß, die Birken am Ufer standen darin wie Zeichnungen. Es war so still, dass sie ihr eigenes Herz hören konnte.
Schritte auf den Bohlen. Eine Jacke legte sich um ihre Schultern, die nach Holz roch.
„Du hast ohne Erlaubnis das Bett verlassen", sagte Matthias.
„Ich dachte, die Regeln gelten nur, wenn man sie will."
„Tun sie." Er stellte sich neben sie, den Becher in der Hand. Kaffee. Er hielt ihn ihr hin. „Möchtest du?"
„Ja, bitte."
Sie tranken schweigend. Irgendwo draußen im Nebel platschte ein Fisch.
„Mein Mietvertrag endet am Freitag", sagte sie schließlich.
„Ich weiß. Ich habe ihn selbst geschrieben." Er sah auf das weiße Wasser. „Er hat hinten eine Klausel, die ich nie benutzt habe. Verlängerung nach Absprache."
„Und wenn ich verlängern will?"
„Dann gilt Regel drei." Er lächelte. „Wer etwas will, sagt es."
Sie lehnte den Kopf an seine Schulter. Der Nebel begann sich zu heben, in der Mitte des Sees öffnete sich ein Fenster aus Gold. Das Ruderboot schaukelte leise am Ende des Stegs, bereit zur Überfahrt.
„Ich will", sagte Anna.
„Dann", sagte Matthias, „fangen wir an."