Das Kochstudio nach Feierabend
Das Kochstudio gehörte Salome, und nach neun Uhr abends gehörte es niemandem sonst.
Gustav stand an der Edelstahlzeile, die Ärmel hochgekrempelt, und sah dem Wasserdampf beim Aufsteigen zu. Er war achtunddreißig, Bauingenieur, und im Büro zählte sein Wort. Hier zählte seins nicht, und das Wunderbare daran war, dass er es nie hatte missen wollen.
„Schürze", sagte Salome.
Sie stand in der Tür, groß, dunkelhaarig, in weißer Kochjacke, die Haare unter einem Tuch. Sie trug ein Messer so selbstverständlich wie andere Menschen eine Handtasche. Gustav nahm die Schürze vom Haken und band sie um.
„Falsch."
„Doppelknoten, hinten, wie üblich?"
„Ich habe nicht gefragt, wie üblich." Sie trat hinter ihn, löste den Knoten mit zwei Fingern und band ihn neu, fester, den Zug des Bandes so deutlich in der Taille, dass er einatmen musste. „Heute bindest du dich nicht selbst. Heute bin ich das."
Das Menü hatte sie ihm am Mittag per Nachricht geschickt, in einem einzigen Satz: Sieben Gänge, und du sprichst nur, wenn ich dich frage. Er hatte vier Stunden gebraucht, um sich zu fassen.
Der erste Gang war eine Kürbissuppe. „Schneiden", sagte sie, und er schnitt, in Würfeln von einem Zentimeter, bis sie ihm die Hand auf den Unterarm legte. „Langsamer. Ich will jede Bewegung hören."
Er hörte die eigene Klinge, das Holz, das Atmen im Raum. Salome stand neben ihm und sah zu, und manchmal, wenn die Stille sich zu weit dehnte, berührte sie ihn nur an der Schulter, ein Hauch, eine Mahnung, ein Lob.
Beim dritten Gang, einem Safranrisotto, rührte er, und sie stellte sich hinter ihn, so dicht, dass er ihren Atem im Nacken spürte. „Nicht hetzen", flüsterte sie. „Gutes braucht Zeit. Das weißt du doch."
„Ja, Herrin."
„Sag es noch mal."
„Gutes braucht Zeit."
„Brav." Das Wort war weich und gefährlich zugleich. Er verbrannte sich fast an der Pfanne.
Beim fünften Gang reichte sie ihm einen Löffel Sauce zum Probieren, hielt ihn selbst, führte ihn an seine Lippen und beobachtete sein Gesicht, als lese sie darin ein Rezept. „Zu salzig?", fragte sie.
„Ein wenig."
„Wie viel ist ein wenig?"
„Eine Prise. Weniger."
„Gut. Du hast einen Gaumen." Sie wischte ihm mit dem Daumen einen Tropfen vom Kinn. „Und Ehrlichkeit. Das ist die seltenere Zutat."
Beim siebten Gang, einer dunklen Schokolade mit Meersalz, setzte sie sich zum ersten Mal selbst an den Tisch und deutete auf den Stuhl neben sich. Er setzte sich. Sie nahm die Gabel und fütterte ihn, Stück für Stück, in aller Ruhe, und er hielt still und ließ sich ansehen und fand, dass man sich nirgends so aufgehoben fühlen konnte wie unter dem Blick einer Frau, die wusste, was sie wollte.
„Du hast alles richtig gemacht", sagte sie, als nur noch der Duft von Kakao im Raum stand.
„Ich habe den Kürbis verschnitten."
„Das war der Zentimeter, den ich wollte. Schönheit braucht Fehler." Sie löste ihm das Band der Schürze, langsam, und es fühlte sich an wie das Aufschlagen einer Seite. „Und jetzt räumst du auf. Alles. Und danach gehörst du mir bis morgen früh."
„Und die Spülmaschine?"
„Ist Teil der Aufgabe." Sie lächelte und küsste ihn, kurz, auf die Stirn, wie man ein Gericht abschmeckt, das gelungen ist. „Das Beste kommt erst, wenn der Herd aus ist."
Er räumte auf, in Rekordzeit.