Femdom

Platzreservierung in Wagen neun

Beatrix hatte die Plätze reserviert, und zwar so, wie sie alles tat: gründlich, mit Hintergedanken.

„Fensterplatz für mich", sagte sie, als sie in Wagen neun einstiegen. „Gangplatz für dich. Und die Regeln kennst du."

„Keine Regeln im Zug", sagte Viktor. „Das war der Deal."

„Es gibt genau eine." Sie ließ sich elegant nieder, strich den Rock glatt und legte einen dicken Reiseführer über Umbrien auf den Klapptisch. Dann sah sie ihn an, mit diesem leicht amüsierten Blick, den er an ihr liebte und fürchtete. „Du tust, was ich sage. Aber nur so, dass kein Mensch es merkt."

Viktor war fünfunddreißig, Lehrer für Geschichte und Sport und gewohnt, in Klassenzimmern Ansagen zu machen. Er setzte sich, und sein Herz klopfte, als hätte man ihm eine Prüfung angekündigt.

Der Zug rollte aus dem Bahnhof. Gegenüber saß ein älteres Ehepaar, schräg dahinter ein junger Mann mit Kopfhörern.

„Schlag Seite vierzehn auf", sagte Beatrix freundlich.

Er schlug sie auf. Auf dem Rand stand in ihrer Handschrift, mit Bleistift: Sitz gerade.

Er richtete sich auf. Sie nickte, ohne hinzusehen, und blätterte selbst weiter.

Seite dreiunddreißig: Keine Hand an das Handy, bis ich es erlaube. Seite fünfzig: Schau mich nicht an, bis ich dich rufe. Das war die Schwerste. Viktor starrte hinaus auf Felder, Wiesen, Strommasten, und spürte ihre Aufmerksamkeit wie Sonnenlicht auf der Haut. Einmal beugte sich die Schaffnerin zwischen sie, und er hielt vor Verlegenheit den Atem an, bis Beatrix lässig ihre Fahrkarte vorzeigte und sagte: „Mein Mann ist heute etwas still. Er hat eine Aufgabe."

„Was für eine?", fragte die Schaffnerin.

„Er lernt, sich zu benehmen."

„Na, das wird auch Zeit", sagte die Schaffnerin und stempelte seine Karte, und Viktor wäre am liebsten im Sitz versunken.

Nach Würzburg wurde es besser. Oder schlimmer. Beatrix schob ihm unter dem Tisch ihre Schuhspitze gegen den Knöchel, ein winziger Druck, genau so lang, bis er verstanden hatte: Hier. Ich bin da. Er hielt still. Der junge Mann mit den Kopfhörern nickte im Takt zu irgendwas. Das Ehepaar teilte einen Apfel.

„Du darfst mich jetzt ansehen", sagte sie schließlich, kaum hörbar, irgendwo hinter Nürnberg.

Er drehte den Kopf. Sie lächelte, und es lag so viel Wärme darin, dass ihm die Augen brannten.

„Wie war das?", fragte sie.

„Anstrengend." Er schluckte. „Und schön."

„Beides ist erlaubt." Sie legte den Reiseführer beiseite und schob ihre Hand unter dem Tisch in seine, Finger zwischen Finger, ganz ruhig. „Ich fand dich übrigens großartig. Du hast dich nicht ein einziges Mal gerührt, als die Schaffnerin kam. Nicht mal gezuckt."

„Ich war kurz davor zu sterben."

„Ich weiß. Deshalb war es so gut." Sie drückte seine Hand. „Nächste Aufgabe: Wir steigen in München aus, du trägst beide Koffer, und im Hotel kriegst du ein Stück Schokolade. Ein ganzes."

„Nur eines?"

„Das ist freche Frage Nummer eins." Ihr Lächeln wurde schärfer. „Notiert."

Als der Zug in den Bahnhof einlief, stand das alte Ehepaar auf, und die Frau beugte sich im Vorbeigehen zu Beatrix. „Wissen Sie", sagte sie leise, „so einen Mann hätte ich auch gern gehabt. Der gehorcht ja."

„Er lernt noch", sagte Beatrix, und ihre Augen funkelten. „Aber er ist ein guter Schüler."

Viktor trug die Koffer. Beide. Und er hätte sie auch bis zum Mond getragen, wenn sie dabei weiter seine Hand gehalten hätte.

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MS
Mira Sommer

Erzählt von Vertrauen, Geduld und dem Moment, in dem aus Neugier Hingabe wird. Warm, genau und mit Sinn für Details.

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