Die Chefin am Freitag
Von Montag bis Freitag mittag war Katharina Brandt die Frau, die Sitzungen mit einem einzigen Satz beendete. Sie hatte hundertzwölf Mitarbeitende, einen Kalender in drei Farben und die Gewohnheit, jede Entscheidung bereits getroffen zu haben, bevor jemand sie fragte.
Freitags um achtzehn Uhr fuhr sie nach Hause, zog das Kostüm aus und stand eine Weile ratlos in der Wohnung, als hätte man ihr den Boden unter den Füßen weggenommen.
Dann klingelte es.
„Du bist früh", sagte sie.
„Du hast mir gesagt, ich soll früh sein." Daniel stand in der Tür, ein ruhiger Mann in Jeans, ein Lehrer für Geschichte und Sport, der in seinem Alltag eher Kinder auf Ausflügen zählte, als Befehle zu geben. Hier gab er sie. Er tat es sehr leise und sehr genau.
„Schuhe aus", sagte er. „Handy in die Schale. Dann setzt du dich."
Sie lachte. Es war ein Reflex, ein Verteidigungslachen. „Du wirst nie ein Chef werden."
„Muss ich auch nicht." Er sah sie an, freundlich und unerschütterlich. „Ich muss heute nur dein Freitag sein."
Und das Seltsame war: Es wirkte. Katharina schaltete das Handy aus, stellte die Schuhe ordentlich ab und setzte sich, aufrecht und mit den Händen im Schoß, wie man es als Kind getan hatte, wenn man gespürt hatte, dass jetzt jemand anderes entschied.
„Heute entscheidest du nichts", sagte er. „Nicht, was wir essen, nicht, was wir hören, nicht, wann du gehst. Wenn du etwas nicht willst, sagst du ‚Ampel rot'. Sonst gehört der Abend mir."
„Ja", sagte sie. Dann, weil es sich richtig anfühlte: „Ja, Herr Lehrer."
„Das lasse ich noch durchgehen", sagte er trocken. „Einmal."
Sie lachte wirklich, und es klang jünger als sonst.
Später, viel später, lag sie auf dem Sofa, die Füße in seinem Schoß, und sah ihm zu, wie er in ihrer Küche Tee machte, als hätte er nie etwas anderes getan. Zum ersten Mal in der Woche war ihr Kopf völlig still.
„Danke", sagte sie.
„Wofür?"
„Dafür, dass du es mir nicht leicht gemacht hast."
Er stellte die Tasse neben sie. „Nächsten Freitag wieder?"
„Nächsten Freitag", sagte die Chefin, und es klang wie ein Versprechen, das sie ausnahmsweise nicht selbst verwalten musste.