Rollentausch

Der Würfel aus dem Wohnmobil

Auf dem Campingplatz bei Wiesenau regnete es seit drei Tagen, und das Wohnmobil von Kerstin und Olaf war so klein, dass man sich beim Aneinandervorbeigehen entweder streiten oder küssen musste. Sie hatten sich für das Küssen entschieden, vorwiegend.

„Wir haben ein Problem", sagte Kerstin und legte die Spielkarten weg. „Ich hab das Gefühl, wir spielen immer dasselbe Stück."

„Du führst, ich folge. Das Stück ist gut."

„Das Stück ist wunderbar. Aber ich hatte neulich einen Traum, in dem du mir Anweisungen gegeben hast. In ganzen Sätzen. Mit Betonung."

Olaf, siebenundvierzig, Berufsschullehrer, bekam diesen Gesichtsausdruck, den er sonst bei Klausurkorrekturen hatte. „Und?"

„Ich bin aufgewacht und wollte wissen, wie es weitergeht."

Er schwieg lange. Dann stand er auf, wühlte in der Schublade unter der Spüle und kam mit einem großen, abgegriffenen Würfel zurück, dem Überbleibsel eines Kinderspiels, das sie vor Jahren auf dem Flohmarkt gekauft hatten. „Ich habe eine Idee. Gerade Zahl: Du bestimmst. Ungerade: ich. Bis Mitternacht."

„Und wer führt, wenn es nicht passt?"

„Wer abgeben will, sagt das Wort."

„Zitrone", sagte Kerstin sofort, und sie lachten beide, weil es auf ihrem Campingtisch tatsächlich eine Zitrone gab.

Der Würfel rollte über die Resopalplatte, taumelte gegen den Salzstreuer und blieb liegen.

Eine Drei.

„Oh", sagte Kerstin.

Olaf richtete sich langsam auf. Es war faszinierend, wie wenig sich an ihm veränderte und wie viel doch. Die Schultern, die Stimme, die Ruhe. „Zieh die Gummistiefel aus", sagte er. „Und setz dich auf die Bank. Hände auf die Knie."

„Das sind die Anweisungen?"

„Das sind die ersten."

Sie gehorchte, mit einem schiefen Grinsen, das ihr zwei Minuten später verrutschte, denn Olaf war kein Mann, der Anweisungen zum Spaß gab. Er schenkte ihr Wein ein, hielt das Glas selbst, ließ sie trinken und sagte: „Du darfst mich nicht ansehen, bis ich es erlaube."

„Wie lange?"

„Das entscheide ich."

Die Minuten dehnten sich. Der Regen trommelte aufs Dach, der Wasserkessel auf dem Gaskocher begann leise zu singen, und Olaf ließ ihn singen, weil er es so beschlossen hatte. Kerstin merkte, wie sehr es sie erleichterte, nicht zu wissen, was als Nächstes kam.

Es war absurd, dachte Kerstin, dass ein einziger Satz in einer Blechdose von Wohnmobil so viel Platz einnehmen konnte. Sie starrte auf das Kondenswasser am Fenster. Hinter sich hörte sie ihn atmen, geduldig, aufmerksam, ein Mann, der entdeckt hatte, dass er das konnte.

„Gut", sagte er leise. „Sehr gut."

Das Wort ging ihr durch und durch.

Um halb zehn, nach einer weiteren Runde, würfelte sie eine Vier und musste feststellen, dass sie ein miserabler Befehlsgeber war: Sie lachte bei jedem zweiten Satz. „Knie dich … nein, setz dich … ach, mach doch, was du willst."

„Das ist Meuterei", sagte Olaf ernst.

„Das ist Führungsschwäche."

„Ich habe ein Gegenmittel." Er nahm ihre Hand und legte sie auf seine Brust, wo das Herz eindeutig mehr Tempo hatte, als sein Gesicht zeigte. „Sag es einfach noch mal. Langsamer."

Kerstin atmete ein. Sie sah ihn an, wirklich an, und sagte: „Komm her."

Er kam.

Gegen Mitternacht, als der Regen endlich nachließ, lagen sie unter der Wolldecke, der Würfel zwischen ihnen auf dem Kissen.

„Drei zu eins für Ungerade", murmelte Olaf.

„Wir spielen morgen weiter."

„Und wenn er auf der Kante landet?"

„Dann", sagte Kerstin und löschte das Licht, „führt die Zitrone."

◆
MS
Mira Sommer

Erzählt von Vertrauen, Geduld und dem Moment, in dem aus Neugier Hingabe wird. Warm, genau und mit Sinn für Details.

Das könnte dir auch gefallen

Rollentausch

Zimmer 412

Zwei Fremde an einer Hotelbar, so scheint es. Er spricht sie an, sie lässt ihn zappeln, und irgendwo zwischen Bar und Aufzug verschiebt sich, wer hier eigentlich führt.

Clara Reuter · 7 Min. Lesezeit
Rollentausch

Die Chefin am Freitag

Dr. Katharina Brandt führt eine Abteilung mit hundert Leuten. Freitagabends sucht sie jemanden, der ihr sagt, wann Schluss ist.

Lena Falk · 2 Min. Lesezeit
Rollentausch

Leise Stimme im Antiquariat

Friederike hat ihr Leben lang leise gesprochen. An einem Regennachmittag zwischen verstaubten Regalen findet sie heraus, was ein einziger fester Satz bewirken kann.

Jule Wagner · 3 Min. Lesezeit