Latex & Fetisch

Die Garderobiere der Schwarzen Nacht

Silke betreute die Garderobe der Schwarzen Nacht seit neun Jahren, und sie war überzeugt, dass man einen Menschen besser an dem erkennt, was er an den Haken hängt, als an dem, was er sagt.

Der Mantel mit dem Fuchskragen gehörte einer Anwältin, die sich im Alltag nur in Grau kleidete. Der Trenchcoat, tropfend und schwer, einem Chirurgen, der in der Nacht regelmäßig in Lack aufblühte. Der Regenschirm mit dem Entenkopf stammte von einem Paar, das jedes Mal zwölf Minuten brauchte, um sich zu trennen: eine Minute pro Haken, hatte sie einmal ausgerechnet.

„Nummer vierzehn", sagte sie, ohne aufzusehen, und reichte eine Marke über den Tresen.

„Danke." Die Stimme war tief und leicht unsicher. Silke sah doch auf und blickte in das Gesicht eines Mannes um die fünfzig, in einer dunkelblauen Uniformjacke mit Silberknöpfen, Hose mit Bügelfalte, die weißen Handschuhe in der Hand wie ein Pfand. Auf dem Kopf trug er eine Schirmmütze, die er mit beiden Händen festhielt.

„Die Mütze auch?", fragte sie.

„Ich ... wollte sie eigentlich behalten."

„Dann behalten Sie sie."

„Aber hier steht, dass alles abgegeben werden muss."

„Das steht für Mäntel." Silke lehnte sich vor. „Erste Party?"

Er nickte, und sie sah, wie sein Adamsapfel arbeitete. „Ich habe die Uniform vor zwei Jahren bei einer Theaterauflösung gekauft. Sie hing im Schrank. Ich habe sie nie getragen. Meine Frau ist vor drei Jahren gestorben, und ich dachte ..." Er brach ab und lächelte schief. „Ich weiß nicht, was ich dachte."

„Dass es Zeit wird, wieder jemand zu sein, der etwas will." Silke sagte es einfach, so, wie man einem Gast den Weg zur Toilette zeigt. „Das ist kein schlechter Gedanke. Die meisten kommen mit schlimmeren."

Er lachte, unvermutet und tief. „Sie sind sehr direkt."

„Ich hänge seit neun Jahren Geheimnisse an Haken. Da lernt man den kürzesten Weg." Sie zog die Marke zurück, schrieb 14 auf einen Zettel und klemmte ihn an einen Bügel. „Hören Sie. Gehen Sie rein. Bestellen Sie ein Wasser. Stellen Sie sich an die Wand und schauen Sie eine halbe Stunde zu. Wenn Sie dann noch wollen, sprechen Sie jemanden an."

„Und wenn ich dann nicht mehr will?"

„Dann holen Sie Ihre Jacke ab, und ich sage Ihnen, dass Sie einen sehr guten Schnitt haben."

Er stand noch einen Moment da, die Mütze in den Händen. Dann setzte er sie auf, rückte den Schirm gerade und straffte die Schultern. Es war, als würde ein Vorhang aufgezogen. „Danke, Nummer vierzehn", sagte er und ging.

Um halb zwölf sah sie ihn wieder. Er stand an der Bar, neben einer Frau in schwarzem Lack mit rotem Haar, und sie lachte über etwas, das er gesagt hatte, und er hielt seine Mütze auf dem Knie, als sei sie ein Gast. Um zwei verabschiedeten sie sich gemeinsam an ihrem Tresen. Die Frau holte ihren Mantel, und er seine Jacke, und beide bedankten sich ausführlich.

„Eine Frage", sagte er zum Schluss, mit einem Blick, der um Jahre jünger wirkte. „Wie viele Haken haben Sie eigentlich?"

„Hundertzwanzig."

„Dann reserviere ich nächsten Monat Nummer vierzehn."

Silke strich den Zettel glatt und hängte ihn an den Haken zurück. „Der gehört Ihnen", sagte sie. „Solange Sie wiederkommen."

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JW
Jule Wagner

Findet das Komische im Knisternden. Ihre Geschichten haben Herz, Humor und fast immer ein bisschen Chaos.

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