Maßarbeit
Das Atelier lag im Hinterhof, dritte Tür links, und ich stand eine volle Minute davor, bevor ich klingelte. Auf dem Messingschild stand nur Ines Falk – Maßarbeit. Ich war neunundzwanzig, trug ein schlichtes Kleid und hatte ein Herz, das lauter schlug, als es dem Anlass angemessen war.
Geklärt hatten wir alles schon vorher, drei Wochen lang, per Mail. Meine Maße, meine Wünsche, meine Grenzen. Ines hatte mich gebeten, sie aufzuschreiben, Punkt für Punkt, und die Liste mit zwei Anmerkungen in grüner Tinte zurückgeschickt. Gut so, stand dort, und: Dein Wort bleibt Safran. Jederzeit. Ich hatte es gewählt, weil ich es im Alltag nie sagen würde.
Sie öffnete selbst. Zweiundvierzig, hochgewachsen, die dunklen Haare mit einem Bleistift im Nacken festgesteckt, ein Maßband wie eine Stola um die Schultern. Sie roch nach Zitrone und nach etwas Wachsigem, Sauberem, das ich erst später als Politur erkannte.
„Nora“, sagte sie. Es klang nicht wie eine Frage. „Komm herein. Schuhe bitte aus.“
Der Raum war heller, als ich erwartet hatte. Ein langer Tisch unter dem Fenster, Schnittmuster an Klammern, Rollen von schwarzem, von blutrotem, von durchscheinend bernsteinfarbenem Material. In der Ecke ein niedriges Podest vor einem hohen Spiegel, daneben ein Hocker mit einer Dose Puder, einem weichen Pinsel und einem Stapel Tücher. Am Bügel hing, was sie für mich genäht hatte. Es glänzte im Fensterlicht wie nasser Schiefer.
„Bevor wir anfangen“, sagte Ines, „sagen wir es noch einmal laut, damit es nicht nur geschrieben steht. Du bist freiwillig hier. Du kannst jederzeit unterbrechen, mit Safran oder mit jedem anderen Wort, das ich verstehe. Und nichts, was ich tue, geschieht ohne dein Ja.“
„Ja“, sagte ich, und meine Stimme klang dünner, als mir recht war. „Ich will das. Ich möchte, dass du mich führst.“
Etwas in ihrem Gesicht wurde weich, ohne an Strenge zu verlieren. „Dann steig aufs Podest.“
Ich ließ das Kleid fallen, wie sie es verlangt hatte, und stand in Unterwäsche vor dem Spiegel, während sie langsam um mich herumging. Sie berührte mich nicht. Sie sah nur hin, lange und genau, wie man ein Werkstück ansieht, das man mag. Mir wurde warm im Nacken.
„Arme.“
Ich hob sie. Der Pinsel strich zuerst über meine Schultern, kühl und kaum spürbar. Puder stieg auf, er roch nach Kreide und Mandel, und legte sich wie Mehl auf meine Arme, meinen Rücken, die Innenseiten meiner Knie. Dann kamen ihre Hände dazu. Flach, warm und ohne Eile verteilten sie den Staub, bis meine Haut sich anfühlte wie Samt, und jede Stelle, die sie verließen, kühlte spürbar aus.
„Damit es gleitet“, sagte sie ruhig. „Atme aus.“
Das erste Stück war ein enger Rock, der hoch über die Hüften reichte. Sie raffte ihn zusammen, kniete sich vor mich und führte ihn über meine Füße. Das Material war kalt und fühlte sich zugleich lebendig an, es klammerte und gab nach und klammerte wieder, Zentimeter um Zentimeter an meinen Beinen hinauf. Ich hörte das leise Quietschen, mit dem Latex über Puder wandert, und mein eigenes Atmen darüber, viel zu laut.
„Gut. Jetzt das Oberteil.“
Es hatte einen Reißverschluss im Rücken. Ines stand hinter mir, ihr Atem streifte meinen Nacken, und ich spürte, wie sich das Material über meinen Rippen schloss, langsam, Glied für Glied, bis ich nur noch ganz flach und ganz tief atmen konnte. Alles in mir schien sich in dieser einen Linie entlang der Wirbelsäule zu sammeln. Dann der Zug nach oben, ein letzter, und ich steckte in etwas, das mich hielt wie eine Hand.
„Wie fühlt sich das an?“
„Eng“, flüsterte ich. „Genau richtig eng.“
„Sieh in den Spiegel.“
Ich sah. Eine Frau in schwarzem Glanz, Schultern, Taille, Hüften, nachgezeichnet von etwas, das nicht log. Ich erkannte sie kaum. Ines nahm ein Tuch, träufelte eine Spur Öl mit Zitrusduft darauf und begann zu polieren, in langen, kreisenden Bewegungen, über den Bauch, über die Schulterblätter, an den Seiten entlang. Wo sie rieb, wurde der Glanz tief wie dunkles Wasser. Ich spürte jede ihrer Bewegungen doppelt, durch das Material gedämpft und trotzdem überdeutlich, als hätte jemand die Lautstärke meiner Haut gesenkt und zugleich meine Aufmerksamkeit darauf geschärft.
„Du zitterst“, sagte sie.
„Nicht, weil es mir zu viel ist.“
„Das weiß ich.“ Ihre Stimme war dicht an meinem Ohr. „Sonst würde ich aufhören. Sag es mir trotzdem, wenn es kippt.“
„Es kippt nicht.“
Sie lächelte im Spiegel. Dann legte sie beide Hände auf meine Taille und prüfte, wie sehr das Material nachgab, wenn sie drückte. Ich schloss die Augen. Ich spürte den Rhythmus ihres Atems, den Druck, der blieb, wo ihre Finger gewesen waren, und die Hitze, die sich unter dem Glanz sammelte. Wenn Hingabe ein Ort war, dann stand ich gerade mittendrin, mit nackten Füßen auf einem Holzpodest.
Später saßen wir am Tisch unter dem Fenster. Sie hatte mir den Reißverschluss geöffnet und das Material von meinem Körper gelöst, behutsam, als schäle sie eine zweite Haut ab, und mir eine Decke um die Schultern gelegt. Meine Haut glühte und dampfte ein wenig. Abdrücke zeichneten sich rot und weich an Hüften und Rippen ab. Vor mir stand ein Becher Tee mit Ingwer. Ich hielt ihn mit beiden Händen und zitterte noch immer ein bisschen, auf die gute Art.
„Trink“, sagte Ines. „Und danach erzähl mir, was du gespürt hast. Alles, auch das Unbequeme.“
Ich erzählte. Von der Kälte am Anfang, vom Druck an den Rippen, davon, dass ich einmal kurz Angst gehabt hatte, mich zu verlieren, und dass es dann ihre Hände gewesen waren, die mich zurückholten. Sie hörte zu, ohne zu unterbrechen, und notierte zwei Zahlen auf einer Karteikarte, eine für die Weite an den Rippen, eine für die Länge des Reißverschlusses.
„Die Rippen lasse ich einen halben Zentimeter weiter“, sagte sie. „Der Rest sitzt besser, als ich es auf dem Papier gehofft hatte.“
Ich lachte, und es klang freier, als ich es seit Wochen von mir gehört hatte.
An der Tür reichte sie mir mein Kleid und sah mich einen Moment lang an. „Das war nur das erste Stück“, sagte sie. „Das zweite ist fast fertig, Handschuhe und eine Maske aus dünnem Latex. Beim nächsten Termin, Donnerstag in einer Woche, probierst du sie an. Dann nehme ich mir mehr Zeit. Viel mehr.“
Etwas in mir machte den kleinen, schweren Sprung, den ich inzwischen kannte. „Und wenn ich dann nicht sprechen kann?“
„Dann vereinbaren wir ein Zeichen, das ich auch ohne Worte lese“, sagte Ines. „Das besprechen wir gleich, bevor du gehst. Einverstanden?“
„Einverstanden.“
Sie hielt mir die Tür auf. Draußen war es Abend geworden, und die Luft im Hof roch nach Regen. An meiner Haut hing noch immer der Zitrusduft. Ich ging die ganze Straße hinunter und dachte an nichts anderes als an Donnerstag in einer Woche.
Ende
Draußen tobt das Gewitter, drinnen führt Mara. Tobias liegt mit verbundenen Augen da und weiß nicht, was als Nächstes kommt.
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