Glanz auf Bestellung
„Du hast mit dem falschen Tuch poliert", sagte Dagmar.
Ole hielt inne, das Lappentuch noch in der Hand, und sah sie an, als hätte sie ihm mitgeteilt, dass er seit Monaten falsch atmete. „Es gibt ein falsches Tuch?"
„Es gibt drei." Sie trat in den Flur, barfuß, in einem alten Pullover, mit den Brillengläsern auf der Stirn. Sie war siebenundvierzig, Bibliothekarin, und ordnete ihr Leben nach Systemen. Die Bücher nach Signatur, die Gewürze nach Alphabet, ihr Latexschrank nach Farbe, Material und Anlass. „Weich, mittelweich, fusselfrei. Du hast das mittelweiche genommen."
„Es sah aus wie das weiche."
„Das ist der Grund, warum es Verwechslungsgefahr gibt." Sie nahm ihm den Lappen aus der Hand, hielt ihn gegen das Licht und seufzte. „Siehst du den Schleier? Das ist, als würde man einem Gedicht einen Bart anmalen."
Ole lachte. Er war fünfzig, Ingenieur, und seit drei Monaten ihr Freund, und er hatte bisher nicht gewusst, dass man jemanden lieben konnte wegen der Art, wie er über Silikonöl sprach. „Dagmar. Es ist ein Kleid."
„Es ist das Kleid." Sie sagte es sanft. „Das mit dem Rückenreißverschluss. Ich habe es vor sechs Jahren gekauft, am Tag nach meiner Scheidung. Ich habe es siebenmal getragen. Jedes Mal war ich ein bisschen mehr ich."
Er schwieg. Dann legte er das Tuch beiseite, wusch sich die Hände, trocknete sie sorgfältig und setzte sich auf den Flurhocker. „Dann bring mir bei, wie es geht."
„Bitte?"
„Ich will es richtig machen. Das mit dem Glanz." Er hob die Hände. „Ich bin Ingenieur. Ich kann Dichtungen berechnen. Ich bin überzeugt, dass ich eine Oberfläche ehren kann."
Dagmar sah ihn lange an. Dann holte sie die Dose, das Fläschchen, die drei Tücher, breitete sie auf dem Hocker aus wie ein Chirurg sein Besteck und begann zu erklären. Wie man das Kleid mit lauwarmem Wasser abwäscht, ohne zu reiben. Wie man es trocknet, ohne es zu quälen. Wie man das Politurmittel auf den Lappen gibt, nicht aufs Material, in Kreisen, mit wenig Druck, bis der Glanz von innen kommt, als hätte das Kleid beschlossen, ein Spiegel zu werden.
„Jetzt du", sagte sie.
Er nahm das Tuch, setzte an der Schulter an und polierte. Langsam, konzentriert, mit zusammengezogenen Brauen. Das Latex gab unter seinen Händen einen leisen, quietschenden Seufzer von sich. Dagmar stand daneben, die Arme verschränkt, und merkte, dass ihr Gesicht warm wurde.
„Wie geht es?"
„Ich glaube", sagte Ole, „ich verstehe jetzt, warum du das magst."
„Warum?"
„Es ist, als würde man jemanden fragen, wie er sich fühlt, und die Antwort in der Hand halten." Er sah auf, errötend. „Das klang kitschiger, als ich wollte."
„Es klang genau richtig." Sie nahm ihm das Tuch ab und hielt ihm stattdessen die Hand hin. „Komm. Heute Abend trage ich es. Und du darfst dir überlegen, wie viel Politur danach noch nötig ist."
„Und morgen?"
„Morgen", sagte sie und zog ihn vom Hocker, „bringe ich dir die Handschuhe bei. Aber sie kommen in die Schublade mit den feinen Tüchern. Das ist heilig."