Das erste Mal

Die Liste auf dem Küchentisch

Petra legte den Zettel zwischen die Salzmühle und das Brotkörbchen und schob den Wein dazu, als sei es ein offizielles Dokument, das mit einem Siegel beschwert werden musste.

„Was ist das?", fragte Achim, vierundfünfzig, Busfahrer, ein Mann, der seit zwanzig Jahren dieselbe Strecke fuhr und dieselbe Frau liebte.

„Eine Liste. Ja, Nein, Vielleicht." Sie räusperte sich. „Ich habe sie aus dem Internet. Nicht diese Seiten, sondern eine ganz seriöse, von einer Beratungsstelle."

„Aha." Er setzte die Brille auf. Sein Blick wanderte die Spalten hinunter. „Augenbinde."

„Vielleicht."

„Fesseln."

„Ich hab noch nicht entschieden, ob ich das mag, aber ich wüsste es gern."

„Anweisungen geben." Er blickte auf. „Wer gibt hier wem welche?"

Petra, zweiundfünfzig, Grundschullehrerin, hatte sich diesen Moment tausendmal vorgestellt, mit rosigen Wangen und souveränem Lächeln. In Wirklichkeit spürte sie ihre Ohren glühen. „Das ist Teil des Gesprächs."

Sie schwiegen. Der Kühlschrank brummte, im Flur tickte die Uhr. Dann sagte Achim, sehr langsam: „Ich habe mir in den letzten Jahren manchmal vorgestellt, dass du mir sagst, was ich tun soll."

„Ach." Sie sah ihn an. „Ich habe mir vorgestellt, dass ich dir sage, du sollst aufhören, mir ständig die Entscheidungen abzunehmen."

„Das ist zum Teil dasselbe."

„Ich glaube auch."

Sie fingen an zu lachen. Es war ein befreiendes, hilfloses Lachen, das ihnen die Schultern erschütterte, bis Petra sich die Tränen abwischte. „Wir sind zwei Idioten."

„Zwei Idioten mit Bleistift." Er hielt ihn hoch. „Wir fangen klein an. Ich schlage vor, der Schal."

„Der Seidenschal von meiner Mutter?"

„Keine Verwandtschaft bei diesem Gespräch."

Sie bogen sich erneut vor Lachen, und es dauerte fast fünf Minuten, bis sie den ersten Haken setzten. Dann ging es erstaunlich leicht. Hinter jedem Punkt öffnete sich ein kleines Fenster. Sie sprachen darüber, was ihnen Angst machte, was sie neugierig machte, was sie nur aus Filmen kannten. Er gestand, dass er nicht wusste, ob er streng klingen konnte. Sie gestand, dass sie nicht wusste, ob sie Strenge aushielt.

„Wir brauchen ein Wort", sagte Achim.

„Linie vierzehn."

„Meine Buslinie?"

„Wenn du mich nach Hause fährst, will ich ankommen." Sie nahm seine Hand. „Wenn einer von uns sie sagt, hört alles auf. Sofort. Und wir trinken Tee."

„Und wenn es gut ist?"

„Dann sagen wir nichts."

Er hielt ihre Hand fest. In seinen Augen stand etwas, das sie seit der Hochzeitsreise nicht mehr gesehen hatte, eine Mischung aus Staunen und Furcht. „Petra, ich will dich nicht verletzen."

„Das wirst du nicht. Weil wir es besprechen." Sie lächelte, und diesmal zitterte ihr Mund nicht. „Willst du den Schal holen?"

Er stand auf, stieß den Stuhl um, hob ihn auf, räusperte sich und ging ins Schlafzimmer. Sie hörte ihn in der Kommode kramen und leise vor sich hin murmeln. Dann kam er zurück, den Schal wie eine Fahne in der Hand.

„Linie vierzehn", sagte er feierlich.

„Endstation", antwortete Petra, „ist noch weit."

Sie nahm den Schal, hielt ihn einen Moment an die Wange und stand auf, um ihm das Licht im Flur zu zeigen, wie man einem Gast das Haus zeigt, das man seit zwanzig Jahren kennt und doch erst heute betritt.

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JW
Jule Wagner

Findet das Komische im Knisternden. Ihre Geschichten haben Herz, Humor und fast immer ein bisschen Chaos.

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