Zimmer sieben im Seehotel
Yasemin hatte den Umschlag dreimal im Zug umgedreht und viermal in der Handtasche verschoben. Als sie im Seehotel am Tegernsee ankamen und Carsten die Koffer auf das Bett im Zimmer sieben stellte, lag er immer noch unausgesprochen zwischen ihnen.
„Du bist so still", sagte er.
„Ich überlege, wie ich anfange."
„Mit dem Anfang?" Er lächelte und setzte sich auf die Bettkante. Carsten war vierzig, Ingenieur, ein freundlicher Mensch, der Fragen ernst nahm. Sie waren seit anderthalb Jahren zusammen, und er hatte ihr noch nie das Gefühl gegeben, dass ihre Fantasie etwas Peinliches sei. Das machte es nicht leichter. Das machte es nur schwerer, eine Ausrede zu finden.
Sie holte den Umschlag hervor. „Lies das. Aber nicht vor mir."
„Soll ich ins Bad gehen?"
„Das wäre besser."
Er nahm den Umschlag mit der Vorsicht, mit der man eine Rechnung vom Finanzamt öffnet, und verschwand hinter der Badezimmertür. Yasemin stand am Fenster. Draußen lag der See, silbern und still. Sie zählte Wellen und verlor die Zählung bei dreiundzwanzig.
Sie hatte drei Seiten geschrieben, und das Wichtigste stand im letzten Absatz: Ich möchte einmal erleben, dass du mir sagst, was ich tun soll. Nicht hart. Nur sicher. Ich habe Angst, dass es albern wirkt. Ich habe mehr Angst, es nie zu probieren.
Die Tür ging auf. Carsten stand da, den Brief in der Hand, die Augen ungewöhnlich hell.
„Albern?", fragte er.
„Ich weiß es nicht."
„Yasemin. Das ist das Mutigste, was mir je jemand geschrieben hat." Er legte den Brief auf die Kommode, als sei er zerbrechlich. „Ich habe nur eine Sorge, und ich sage sie dir gleich. Ich will es richtig machen. Ich habe Angst, dass ich es falsch mache."
„Dann machen wir es zusammen falsch." Sie lachte nervös. „Wir fangen klein an. Ich sage dir, wann es zu viel ist."
„Und woran erkenne ich, dass es genau richtig ist?"
„Das erkennst du", sagte sie, „an meinem Gesicht."
Er trat vor sie hin. Er war nicht größer als sonst, nicht lauter, nicht anders. Aber er sah sie an, ein bisschen zu lang, ein bisschen zu aufmerksam, und sagte mit einer Stimme, die sie noch nie gehört hatte, tiefer und ganz ruhig: „Dreh dich um, Yasemin. Schau auf den See."
Sie drehte sich um.
„Und jetzt atme mit mir."
Sie atmeten gemeinsam, ein und aus, sein Brustkorb an ihrem Rücken, und beim vierten Atemzug spürte sie, wie ihre Knie weich wurden. Nicht vor Angst. Vor Erleichterung.
„Gut", sagte er. „Sehr gut."
Ihr schossen Tränen in die Augen, und sie schüttelte sich lachend. „Entschuldige, ich weine."
„Soll ich aufhören?"
„Nein. Bloß nicht aufhören."
Er hielt sie fest, einfach nur fest, die Arme um ihre Schultern, bis sich das Zittern legte. Dann flüsterte er ihr ins Haar: „Das Abendessen ist um acht. Bis dahin bleibst du genau hier, bei mir, und tust, was ich sage. Und morgen sprechen wir darüber, was wir beim nächsten Mal anders machen wollen."
„Beim nächsten Mal", wiederholte Yasemin, und das Wort lag ihr wie ein warmer Stein in der Hand.
Der See färbte sich langsam rosa. Hinter ihnen schloss sich die Zimmertür von selbst, wie in einem Hotel, das schon viele solcher Wochenenden gesehen hatte und diskret blieb.