Die Schere auf dem Sofatisch
Die Schere lag auf dem Sofatisch zwischen der Kerze und der Schale mit den Salzbrezeln, und Stefan sah sie an, als hätte sie ihn persönlich beleidigt.
„Das ist unser Sicherheitsnetz", sagte Verena. „Verbandsschere, abgerundete Spitze. Im Notfall durchschneidet sie alles in zwei Sekunden. Ich habe es getestet."
„An was?"
„An einer Gurke. Frag nicht."
Er lachte, und sie sah, wie die Anspannung aus seinen Schultern wich. Sie waren seit zwölf Jahren verheiratet, hatten zwei Hypotheken überlebt, einen Hund, einen Umzug und die Phase, in der jeder Abend aus Müdigkeit und Spülmaschine bestand. Dass sie ausgerechnet ihm zum Hochzeitstag zwei Hanfseile in Geschenkpapier gereicht hatte, hatte ihn zuerst sprachlos gemacht und dann, zu seiner eigenen Überraschung, neugierig.
„Du musst nichts können", sagte sie. „Ich habe es mir in drei Abenden auf dem Laptop beigebracht. Das hier ist ein Handgelenksknoten. Der Rest ist Zuhören."
„Und wenn ich dir wehtue?"
„Dann sage ich es. Und wenn ich ‚Zitrone' sage, hörst du auf. Sofort."
„Zitrone." Er wiederholte es, als wäre es ein Zauberwort. „Warum Zitrone?"
„Weil ich nie in meinem Leben beim Sex an Zitronen denke."
Sie setzte sich aufs Sofa, die Füße unter sich, und hielt ihm die Handgelenke hin, nebeneinander wie zwei Fragezeichen. Er nahm das Seil, zögerte, legte es einmal herum. Seine Finger waren ungeschickt und zärtlich, und er sprach laut mit dem Knoten, wie er es auch beim Zusammenbauen von Regalen tat. „Erst unter, dann über. Nein. Doch. Ich glaube, das stimmt so."
„Du redest mit dem Seil."
„Es hört besser zu als du."
Sie lächelte, und das Lächeln wurde langsam ruhiger. Als er die Schlinge anzog und zwei Finger zwischen Seil und Haut schob, sah sie zu ihm auf, und er erkannte etwas in ihrem Blick, das er lange nicht gesehen hatte: die Frau von damals, als sie auf der Hochzeit getanzt hatte, barfuß, mit offenem Haar.
„Wie fühlt es sich an?", fragte er.
„Wie früher. Nur klüger."
Er schwieg. Dann beugte er sich vor und küsste sie auf die Stirn, nicht aufs Geratewohl, sondern wie jemand, der eine Entscheidung trifft. Draußen fuhr ein später Bus vorbei, die Scheinwerfer wischten über die Zimmerdecke. Der Hund auf dem Teppich seufzte im Traum.
„Ich bin ein bisschen aufgeregt", gestand er.
„Ich auch." Sie drehte die Hände in den Fesseln, so, dass er sah, wie locker sie lagen. „Genau deshalb ist es gut. Wir fangen noch mal an. Jeder Knoten ein erster Versuch."
Später, als das Seil längst gelöst auf der Armlehne lag und sie unter einer Decke saßen, mit Tee und den Resten der Brezeln, fragte er: „War das jetzt das Geschenk, oder war das nur die Verpackung?"
„Das war die Verpackung."
„Und das Geschenk?"
Sie nahm die Schere vom Sofatisch, wog sie in der Hand und legte sie mit einem kleinen Klacken wieder ab.
„Dass du die ganze Zeit wusstest, wo sie liegt", sagte sie. „Und mir trotzdem die Hände abgenommen hast."
Er zog sie an sich. Das Kerzenlicht flackerte, und der Hund hob einmal kurz den Kopf, bevor er beschloss, dass in diesem Haushalt alles in Ordnung war.