Fesseln & Seil

Regen über der Waldhütte

Der Regen hatte am Freitagabend eingesetzt und seither nicht aufgehört. Er trommelte auf das Blechdach der Waldhütte, rann in dicken Fäden die Fensterscheiben hinunter und machte aus dem Weg zum Auto einen Bach. Ulrike fand das ausgezeichnet.

„Wir sind eingeschlossen", sagte sie und goss Tee in zwei Emailletassen. „Kein Empfang, kein Termin, kein Nachbar."

„Nur ein Dachbalken", sagte Jörg und sah nach oben.

Er war achtundvierzig, Förster im Ruhestand, und konnte Bäume am Geruch bestimmen. Seilen hatte er sich selbst beigebracht, aus Büchern und aus dem Respekt, den man vor Dingen hat, die tragen. Den Balken hatte er am Nachmittag geprüft, mit dem ganzen Körpergewicht, bis er zufrieden gebrummt hatte. Das Seil lag aufgeschossen auf dem Tisch. Daneben, wie immer, die Schere.

„Sag mir, was du heute brauchst", sagte er.

Ulrike dachte nach. Sie war fünfundvierzig, Notärztin, und hatte in der vergangenen Woche zu viele Entscheidungen treffen müssen, bei denen es um Minuten ging. „Ich will heute keine treffen. Nicht eine."

„Dann treffe ich sie."

„Gelb heißt langsamer?"

„Gelb heißt langsamer, Rot heißt Ende."

„Gut." Sie stellte die Tasse ab. „Dann los."

Er arbeitete mit großer Ruhe. Das Seil legte sich um ihre Brust, die Taille, eine Schlaufe um die Oberarme, jede Bewegung so sicher, dass sie nach der dritten aufhörte, ihr zu folgen. Das Holz knisterte im Ofen. Regen lief. Als er sie schließlich ein Stück vom Boden hob, nur eine Handbreit, als wolle er sie dem Zimmer zeigen, entfuhr ihr ein Laut, halb Lachen, halb Seufzen.

„Gelb?"

„Grün. Sehr grün." Sie schloss die Augen. Ihr Kopf lag leicht im Nacken, und die Müdigkeit der ganzen Woche rann an ihr herunter wie das Wasser an der Scheibe. „Ich habe vergessen, wie das ist. Dass einen jemand trägt."

„Das ist mein Beruf", sagte er leise. „Seit heute."

Er hielt sie, bis die Spannung ihres Atems nachließ. Dann ließ er sie langsam hinab, stützte sie, löste Knoten um Knoten und rollte das Seil hinter sich auf, ohne den Blick von ihr zu wenden. Er rieb ihr die Arme, wo das Hanf gelegen hatte. Er wickelte sie in die Wolldecke, die nach Zedernholz roch, und setzte sich neben sie auf die Ofenbank.

Sie zitterte ein wenig. Das passierte oft, und er wusste es. Er legte ihr die Hand auf den Rücken und ließ sie zittern, ohne etwas zu sagen, bis es von allein aufhörte.

„Wasser?"

„Gleich."

„Schokolade?"

„Du hast Schokolade mitgebracht?"

„Zartbitter. Fünfundsiebzig Prozent. Ich kenne dich."

Sie lachte, und ein Rest Tränen löste sich dabei, einfach so, ohne Anlass. Er wischte sie mit dem Daumen fort. „Alles gut?"

„Alles gut." Sie lehnte den Kopf an seine Schulter. „Eigentlich das Beste seit Wochen."

Der Regen ließ nicht nach, und keiner von beiden wünschte es sich. Irgendwann schlief sie halb ein, den Becher in beiden Händen, die Füße unter seinen Schenkeln. Jörg legte Holz nach, so leise er konnte. Auf dem Tisch lag die Schere, die sie nicht gebraucht hatten, und er nahm sich vor, sie trotzdem beim nächsten Mal wieder bereitzulegen.

Man sorgt auch für das, was nicht passiert, dachte er. Das ist der Teil, den man nicht sieht.

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CR
Clara Reuter

Schreibt über Kontrolle, Disziplin und Autorität mit Stil. Ihre Figuren führen ruhig, genau und mit einem Lächeln.

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