Fesseln & Seil

Knotenkunde für Anfänger

„Wer von Ihnen hat schon einmal einen Webleinenstek gemacht?", fragte Frau Ostermann und musterte die zwölf Teilnehmer wie eine Oberstudienrätin, die gleich Tests austeilt. Sie war Mitte fünfzig, trug eine Strickjacke und bewegte Seil, als hätte sie damit schon Segelschiffe vertäut.

Sabine hob keinen Finger. Neben ihr hob auch Gero keinen. Sie hatten sich zehn Minuten zuvor im Flur des Gemeindehauses kennengelernt, als beide vor der Tür mit der Aufschrift Seilkunst, Raum 3 zögerten und gleichzeitig sagten: „Ich bin nur zufällig hier."

„Dann bilden Sie Paare", sagte Frau Ostermann. „Und bitte denken Sie daran: Das hier ist ein Kurs, kein Abenteuerurlaub. Wir fangen mit den Handgelenken an. Oben ist wichtiger als fest."

So kam es, dass Sabine, vierunddreißig, Kartografin, und Gero, achtunddreißig, Busfahrer, einander gegenübersaßen und je ein Stück Seil in den Händen hielten, das sich beharrlich weigerte, einen Sinn zu ergeben.

„Das Ende geht über das Ende", las Gero von der Kopie ab. „Unter dem stehenden Teil durch."

„Welcher ist der stehende Teil?"

„Der, der nicht redet, glaube ich."

Sabine prustete los. Gero grinste, und er hatte ein Grinsen, das seine ganze Wange mitnahm. Ihr Seil rutschte ihr auf den Schoß, seins verknotete sich um seinen eigenen Daumen.

„Sehr gut", sagte Frau Ostermann im Vorbeigehen, ohne hinzusehen. „Selbstfesselung ist Aufbaukurs. Aber ich schätze den Ehrgeiz."

Beim vierten Versuch gelang es. Sabine hielt die Handgelenke hin, Gero legte die Schlinge, zog zu, prüfte mit zwei Fingern den Spalt, wie es auf der Kopie stand. „Zu fest?"

„Nein. Gut." Sie bewegte die Hände. „Das ist merkwürdig. Es fühlt sich ... aufgeräumt an."

„Aufgeräumt?"

„Als wüssten meine Hände endlich, wohin."

Er hielt inne. Das Kichern war aus seinem Gesicht verschwunden, und was an seine Stelle trat, war aufmerksamer, wacher. „Soll ich es lösen?"

„Noch nicht."

Um sie herum raschelte der Raum, jemand fluchte leise, Frau Ostermann erklärte einem Paar in der Ecke, dass ein Knoten, der nicht hält, kein Charakterfehler sei. Sabine sah Gero an, und Gero sah zurück, und es lag etwas zwischen ihnen, zart wie ein Faden, den man beim Reden nicht zerreißen will.

„Darf ich fragen, warum du hier bist?", sagte sie.

„Mein Bruder hat mir den Kurs geschenkt. Als Scherz." Er räusperte sich. „Ich habe mich dreimal angemeldet und zweimal abgesagt. Und du?"

„Ich zeichne den ganzen Tag Linien, die irgendwo hinführen sollen. Ich wollte wissen, wie sich eine anfühlt, die einen festhält."

Gero löste den Knoten. Er tat es langsam, jeden Gang einzeln, und strich danach mit dem Daumen über die Stelle, an der das Seil gelegen hatte. „Rote Spur", sagte er. „Geht gleich wieder weg."

„Ich weiß."

Am Ende des Abends rollte Frau Ostermann ihre Seilbündel auf und rief zur Hausaufgabe auf: „Üben Sie zu zweit. Gründlich. Und bringen Sie das nächste Mal Ihren Mut mit."

Auf der Treppe nach draußen blieb Sabine stehen. „Meinen Mut hab ich nur geliehen."

„Dann leih ihn dir noch mal", sagte Gero. „Donnerstag. Bei mir. Ich habe zwei Seile gekauft und einen Wasserkocher."

„Das klingt unverschämt vernünftig."

„Ich bin Busfahrer", sagte er. „Ich komme immer pünktlich."

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MS
Mira Sommer

Erzählt von Vertrauen, Geduld und dem Moment, in dem aus Neugier Hingabe wird. Warm, genau und mit Sinn für Details.

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