Die Uhr im Flur
Die Standuhr im Flur ging vier Minuten nach. Das wusste Konrad, weil Marlene es ihm vor zwei Jahren gesagt hatte, in einem ihrer ersten Gespräche, als sie noch nicht Marlene, sondern Frau Brandt gewesen war. „Man gewöhnt sich an vier Minuten", hatte sie gesagt. „Und dann nutzt man sie."
Nun stand er vor der Wohnzimmertür, die Hände hinter dem Rücken, den Blick auf das Zifferblatt. Es war 19:56 Uhr, wirklich 19:56, auch wenn die Uhr 20:00 zeigte. Um 20:00 Uhr würde sie schlagen, und erst dann durfte er eintreten. So lautete die Vereinbarung.
„Und wenn die Uhr stehen bleibt?", hatte er einmal gefragt.
„Dann bleibst du stehen", war ihre Antwort gewesen.
Aus dem Zimmer drang Musik, ein leises Klavier, und manchmal das Klirren eines Glases. Marlene saß wohl auf dem Sofa, mit einem Buch, die Füße unter sich. Sie war fünfzig und hatte eine Art, so zu tun, als läse sie, während sie jede Bewegung hinter der Tür verfolgte.
Er hätte klopfen können. Er hätte rufen können. Er tat nichts davon. Das war das Eigenartige an Geduld: Sie war ein Muskel, und er hatte ihn über Monate trainiert, bis er sich daran freute, wie man sich an einem Dehnen freut, das schmerzt und guttut zugleich.
19:57 Uhr.
Er ließ den Blick über den Flur wandern. Der Garderobenspiegel mit dem Messingrahmen. Die Schale für die Schlüssel. Ein Foto von Marlenes Schwester in Wanderschuhen. All die Dinge, die er schon tausendmal gesehen hatte und die heute im Warten neue Gesichter bekamen.
Ein Stuhl knarrte. Er spannte sich an. Nein, sie hatte nur die Haltung gewechselt.
Sie testet mich nicht, dachte er. Sie schenkt mir etwas. Dieser Gedanke war ihm erst vor einigen Wochen gekommen und hatte alles verändert. Das Warten war nicht Strafe, nicht Prüfung, es war Raum. Ein Zimmer, in das man hineingeführt wurde, um nichts zu müssen.
19:59 Uhr.
Sein Atem war ruhig geworden. Im Büro, in der Kanzlei, hätte man ihn kaum wiedererkannt. Dort war er ein Mann, der Verträge zerlegte und in Sitzungen die letzte Silbe hatte. Hier war er ein Mann, der vor einer Tür stand und lernte, dass Stillhalten eine Form von Vertrauen war.
Um 20:00 Uhr, nach der Uhr im Flur, setzte das Schlagwerk ein. Ein tiefer, runder Ton, dann ein zweiter, dann ein dritter. Konrad zählte nicht. Er legte die Hand auf die Klinke und wartete den letzten Schlag ab, weil sie ihm einmal gesagt hatte, dass man nie den Schluss überspringt.
„Herein", sagte Marlene.
Er trat ein. Sie saß da, das Buch aufgeklappt auf dem Knie, und sah ihn über den Rand ihrer Brille an, mit diesem Blick, den er nur von ihr kannte, ruhig, warm, ein wenig spöttisch.
„Du hast vier Minuten früher geklingelt, als du solltest", sagte sie.
„Ich habe nicht geklingelt."
„Aber du hast daran gedacht."
„Ja."
„Ehrlich. Das gefällt mir." Sie klappte das Buch zu und legte es auf den Beistelltisch. „Komm her, Konrad. Wir haben noch den ganzen Abend, und ich habe mir vorgenommen, jede Minute davon zu benutzen."
Er ging zu ihr. Hinter ihm, im Flur, tickte die alte Uhr weiter, vier Minuten falsch und für diesen Abend genau richtig.