Ein Abend, ein Wort, ein Befehl
„Bleib."
Mehr sagte Gregor nicht. Er stand auf, legte die Serviette neben seinen Teller, nickte der Kellnerin zu und ging in Richtung Toiletten. Annette blieb am Tisch zurück, mit einem halb gegessenen Risotto, einem Glas Rotwein und einem Wort, das wie ein Stein in ihrem Magen lag.
Sie kannte diese Tonlage. Er benutzte sie nicht oft, nur an Abenden, die er vorher plante, ohne ihr etwas zu verraten. Ein ruhiger, fester Ton, nicht laut, nicht scharf, mehr wie eine Hand auf dem Rücken. Dieses Bleib sagte: Ich bin gleich zurück. Es sagte auch: Und bis dahin gehörst du mir, und zwar vollständig.
Die Frage war nur, was „bleiben" hieß.
Sie probierte es zunächst wörtlich. Sie blieb sitzen. Sie rührte sich nicht. Sie faltete die Hände im Schoß, hielt den Rücken gerade und stellte fest, dass sie, die Leiterin einer Rechtsabteilung, in einem italienischen Restaurant in Würzburg saß und aussah wie ein Schulmädchen vor der Direktorin.
Die Kellnerin kam. „Alles in Ordnung bei Ihnen?"
„Bestens", sagte Annette. „Ich warte nur."
„Auf Ihren Mann?"
„Auf einen Befehl."
Die Kellnerin zog eine Augenbraue hoch, stellte lächelnd einen Brotkorb ab und ging. Annette biss sich auf die Lippe. Das war frech gewesen, und sie wusste es. Gregor würde es erfahren, nicht weil jemand es ihm sagte, sondern weil sie es ihm sagen würde, ganz von selbst, und das war das Teuflische an der ganzen Sache.
Fünf Minuten vergingen. Zehn.
Sie begann, die Details des Raums zu zählen. Siebzehn Kerzen. Ein Kellner mit einem Schnurrbart wie aus einem Film. Ein Pärchen am Fenster, das sich über einen Teller Tiramisu stritt, was bei zwei Löffeln durchaus Sinn ergab.
Wie lange konnte man auf der Toilette bleiben, ohne dass es peinlich wurde? Sie schaute auf die Uhr. Sie schaute weg. Er hatte nichts über die Uhr gesagt, aber das hieß ja nichts.
Fünfzehn Minuten.
Dann wurde ihr langsam klar, was er tat. Er tat nichts. Er stand vermutlich draußen im Flur, trank einen Schluck Wasser und genoss, dass er sich in ihrem Kopf einquartiert hatte, ohne anwesend zu sein. Ein Wort, ein Befehl, und sie saß hier wie festgenäht, während ihre ganze Aufmerksamkeit nur noch auf einen einzigen Menschen zeigte.
Sie lächelte. Sie konnte nicht anders.
„Du grinst", sagte Gregor, als er sich wieder setzte, als wäre nichts gewesen. Er war siebenundfünfzig, grau an den Schläfen, mit Händen, die immer ein bisschen zu ruhig waren, um harmlos zu sein.
„Ich habe der Kellnerin erzählt, ich wartete auf einen Befehl."
„Hast du?"
„Sie fand es sehr lustig."
„Das war meine Absicht." Er griff nach seinem Glas, trank, stellte es ab. „Ich wollte wissen, wie lange du sitzen bleibst, ohne zu fragen, wie lange noch."
„Vierzehn Minuten."
„Siebzehn."
Sie lachte. „Du hast mitgezählt?"
„Ich habe mir zugesehen, wie du wartest. Von dort drüben." Er nickte zum Spiegel neben der Garderobe, in dem man direkt ihren Tisch sah. „Es war mein Lieblingsteil des Abends."
Sie spürte, wie ihr das Blut in die Wangen stieg. Er hatte sie die ganze Zeit beobachtet.
„Und jetzt?", fragte sie.
Er lächelte, langsam. „Jetzt iss auf. Dann gehen wir. Ich habe ein zweites Wort für dich."
„Und das wäre?"
„Das verrate ich dir an der Haustür."