Wie er sie ansah
Die Fähre von Konstanz nach Meersburg brauchte vierzig Minuten, und Judith hatte beschlossen, sie draußen am Heck zu verbringen, weit weg von ihm. Es war eine Art Trotz. Er hatte ihr am Morgen im Hotel gesagt, sie solle das blaue Kleid anziehen, und sie hatte das grüne gewählt.
Nun stand sie an der Reling, den Wind im Haar, und spürte ihn, noch bevor sie ihn sah.
Friedrich lehnte an der Tür zum Salon, die Hände in den Manteltaschen, und sah sie an. Nicht lüstern, nicht aufdringlich. Er sah sie an wie ein Mann, der ein Buch kennt und sich auf das Kapitel freut, das er gleich aufschlägt. Ruhig, vollständig, ohne Eile.
Sie wandte sich ab. Sie schaute auf das Wasser, auf die Möwen, auf einen Familienvater, der seinem Sohn die Alpen zeigte. Der Blick blieb. Sie hätte ihn mit geschlossenen Augen auf ihrer Haut beschreiben können, die Wärme zwischen den Schulterblättern, das leise Prickeln im Nacken.
Zehn Minuten später stand er neben ihr.
„Grün", sagte er.
„Es war näher am Schrank."
„Natürlich." Seine Stimme war tief und trocken, mit einem winzigen Zucken im Mundwinkel. „Dann wirst du mir sicher erklären können, warum du seit einer Viertelstunde nicht ein einziges Mal in meine Richtung geschaut hast."
„Ich genieße die Aussicht."
„Das tue ich auch."
Sie spürte, wie ihr Gesicht warm wurde. Dreiundvierzig Jahre alt, Leiterin einer Abteilung mit sechzig Angestellten, und ein einziger Satz von ihm genügte, um sie wieder zum Mädchen zu machen, das beim Schummeln erwischt wurde.
„Sieh mich an", sagte er leise.
Sie tat es nicht sofort. Das war ihr Spiel, und er kannte es. Er wartete. Er wartete, wie nur Friedrich warten konnte, ohne Ungeduld, ohne Drohung, nur mit der stillen Gewissheit, dass sie irgendwann nachgeben würde, weil sie es wollte.
Dann hob sie den Kopf.
Und da war er, dieser Blick. Grau, unerschütterlich, aufmerksam bis in die letzte Faser. Er sah sie an, als wäre sie das Einzige auf dem ganzen See, und gleichzeitig wie jemand, der ihr eine Frage stellte, die sie mit dem ganzen Körper beantworten musste.
Bist du hier?
Ich bin hier.
Gehörst du mir heute Abend?
Sie atmete aus, ein winziges Nicken nur, ein Senken der Lider, und sein Gesicht veränderte sich kaum. Aber in den Augen glomm etwas auf, das sie noch drei Stunden später in der Weinstube auf der Haut spürte, beim Anstoßen, beim Reichen des Brotkorbs, bei der Berührung seiner Finger an ihrem Handgelenk.
„Gut", sagte er jetzt, so leise, dass der Wind es fast mitnahm. „Das Kleid ist übrigens ausgezeichnet."
„Du hast gesagt, ich soll Blau tragen."
„Ich habe gesagt, du sollst mir gefallen." Er legte die Hand an die Reling, direkt neben ihre, ohne sie zu berühren. „Und ich hatte zu wenig Fantasie, was dir steht."
Sie lachte, überrascht, und er lachte mit, und für einen Moment waren sie nur zwei Menschen auf einem Schiff in einem Septemberlicht, das den See in Silber tauchte.
In der Weinstube, später, hielt er ihr die Tür auf und sagte nur: „Nach dir."
Sie ging hindurch, und der Blick folgte ihr, wie eine Hand, die nicht nach ihr griff, sondern sie hielt.