Sieben Regeln an der Hobelbank
Die Regeln hingen nicht an der Wand, sondern lagen auf der Hobelbank, handgeschrieben auf einem Stück Packpapier, das nach Leim und Kiefer roch. Tabea hatte sie selbst formuliert, nach einem langen Abend mit Holger, Rotwein und mehr Ehrlichkeit, als sie je zuvor aufgebracht hatte.
Eins: Ich sage Rot, wenn ich anhalten will.
Zwei: Ich sage Gelb, wenn ich reden will.
Drei: Holger fragt nach, wenn er unsicher ist.
Und so weiter, bis zur siebten, die sie mit einem schiefen Lächeln dazugeschrieben hatte: Sieben: Nachher gibt es Tee.
Holger Stamm, fünfundfünfzig, Tischlermeister, Witwer seit sieben Jahren, hatte sie gelesen, den Stift genommen und seinen Namen darunter gesetzt, in Druckbuchstaben. „Das ist die beste Betriebsanleitung, die ich je gesehen habe", hatte er gesagt.
Nun, an einem Samstag im Oktober, stand Tabea in seiner Werkstatt, Schürze um die Hüften, Haare zusammengebunden, und wartete.
„Hobelbank", sagte er, ohne die Stimme zu heben. „Hände flach drauf."
Sie legte die Handflächen auf das glatte Holz. Es war kühl, voller Spuren: Kerben, Fettflecken, ein Ring von einem Kaffeebecher aus den Neunzigern.
„Schau mich an."
Sie drehte den Kopf. Er stand drei Schritte entfernt, die Arme locker, die Brille auf die Stirn geschoben, und sah sie an, als hätte er die Zeit der Welt.
„Du hast diese Woche viel gearbeitet", sagte er. „Ich habe dich gesehen. Du kommst herein und fragst nicht, ob du dich setzen darfst. Du wirkst, als müsstest du dich dauernd selbst tragen."
„Ich bin es gewohnt."
„Ich weiß. Heute nicht." Er trat näher und strich mit dem Handrücken über ihren Arm, so leicht, dass die Härchen sich aufstellten. „Heute trage ich. Du hältst still und lässt es geschehen. Kannst du das?"
„Ja."
„Das war zu schnell. Noch mal."
Tabea atmete aus. Ihre Schultern, die sie den ganzen Tag hochgezogen hatte, sanken ein, zwei Zentimeter. „Ich weiß es nicht. Aber ich will es versuchen."
„Das ist die richtige Antwort." Er lächelte, und seine Augen zogen kleine Fältchen. „Dann los."
Er hatte ein Stück Walnussholz vorbereitet, eine kleine Schale, noch roh, die sie schleifen sollte, und zwar nach seinem Takt. Er stellte sich hinter sie, legte seine Hände über ihre und führte die Bewegung: lang, gleichmäßig, mit dem Maserungsverlauf. Sein Atem strich an ihrem Hals vorbei.
„Nicht zu viel Druck. Das Holz weiß, was es will. Du hörst nur zu."
Das Schleifpapier flüsterte. Ihr Körper begann, sich seinem Rhythmus zu überlassen, ohne dass sie es merkte, Zug um Zug, bis ihr Kopf leer und warm war wie ein Raum, in dem jemand das Licht angelassen hat.
„So", sagte er leise. „Siehst du?"
„Ja", hauchte sie.
Er legte seine Stirn an ihren Scheitel, und sie hörte, dass auch sein Atem unruhiger geworden war. „Du machst das wunderbar, Tabea."
Sie schloss die Augen. Draußen fuhr ein Traktor vorbei, und der Staub tanzte im Licht.
Später saßen sie auf der Fensterbank, die Beine ausgestreckt, Teebecher in den Händen. Er hatte ihr eine Decke um die Schultern gelegt und fragte jetzt, wie es gewesen sei, wirklich, ohne Zuckerguss.
„Als hätte jemand mir eine Tasche abgenommen, von der ich nicht wusste, dass ich sie trage."
Holger nickte langsam. „Dann bin ich froh, dass ich der Garderobier bin."
„Regel acht", sagte Tabea und lehnte sich an ihn. „Du hörst auf, so klug zu sein, wenn der Tee noch heiß ist."
„Angenommen."
Er nahm den Stift aus der Brusttasche und schrieb sie, mit ernster Miene, unten auf das Packpapier.