Telefon & Stimme

Sprachnachrichten aus Reykjavik

Die erste Nachricht kam am Montag um 7:42 Uhr, als Oskar gerade mit der Zahnbürste im Mund vor dem Spiegel stand.

Eine Minute, stand im Display. Ich verspreche, es lohnt sich.

Er spuckte aus, wischte sich die Hände ab und drückte auf Wiedergabe. Pias Stimme füllte das Bad, rauchig, leicht verwindet vom Wind. Im Hintergrund brüllte das Meer.

„Guten Morgen, mein Lieber. Ich stehe am Hafen von Reykjavik, es ist minus zwei Grad, und ich trage deinen Schal. Er riecht noch nach dir. Das war ein Fehler, ihn mir mitzugeben, denn jetzt denke ich den ganzen Tag an dich. Nimm dir heute etwas Zeit für dich, hörst du? Ich will, dass du an mich denkst, wenn du in der Konferenz sitzt. Nur an mich. Und an nichts anderes."

Dann ein kleines Lachen und das Klicken, mit dem sie auflegte. Er stand da, den Daumen auf dem Display, und hatte vergessen, was er eigentlich vorgehabt hatte.

Pia war zweiundvierzig, Geologin, und für drei Wochen zu Vulkanmessungen auf Island. Oskar war einundvierzig, Controller in Düsseldorf. Sie waren seit zwei Jahren zusammen, und er hatte nie gewusst, wie sehr eine Stimme nach Hause führen konnte.

Am Dienstag kam die zweite Nachricht, 12:10 Uhr, mitten in seiner Mittagspause. Er hörte sie auf dem Parkplatz, im Auto, mit dem Handy am Ohr wie ein Teenager.

„Heute war es kalt. Ich habe in einer Hütte gesessen und heißen Tee getrunken und an letzten Sonntag gedacht. An die Art, wie du still wurdest, als ich dir gesagt habe, du sollst die Hände auf die Knie legen. Erinnerst du dich? Ich möchte, dass du das jetzt tust. Hier und jetzt, im Auto, die Hände auf die Knie. Und dann hörst du dir die Nachricht noch einmal an. Langsam."

Er legte die Hände auf die Knie. Er hörte sie noch einmal. Und noch einmal.

Am Mittwoch flüsterte sie. Nur ein einziger Satz, geschnitten wie ein Splitter: „Du darfst mir nicht antworten, bis ich es sage." Am Donnerstag war nichts als Atmen zu hören, vierzig Sekunden lang, und dann ein sachlicher Satz über die Wettervorhersage, der klang, als hätte jemand Seide durch Stahlwolle gezogen. Oskar saß im Meeting und hielt sein Handy unter dem Tisch, den Kopfhörer im Ohr, und die Quartalszahlen rauschten an ihm vorbei wie Wolken.

„Herr Brandner", sagte seine Chefin, „alles in Ordnung?"

„Ja", sagte er. „Ich bin nur sehr konzentriert."

Freitagabend, 22:30 Uhr, endlich die Erlaubnis. Du darfst antworten. Er nahm sich Zeit, ging im Wohnzimmer auf und ab und sprach ins Telefon, leise, ohne Plan: „Ich habe die ganze Woche an nichts anderes gedacht als an dich. Ich habe die Nachrichten gezählt, gehört, gesammelt, wie andere Leute Muscheln. Du fehlst mir. Und ich glaube, ich habe gelernt, was Warten ist."

Er schickte sie ab. Eine Minute, genau.

Die Antwort kam sofort, nur drei Sekunden lang: „Gut gemacht."

Er sank aufs Sofa, das Handy auf der Brust. Draußen regnete es auf Düsseldorf, und irgendwo, tausende Kilometer nördlich, stand eine Frau in seinem Schal am Meer.

Zwei Wochen später stand sie in der Tür, windzerzaust, mit Reisetasche und rotem Gesicht.

„Hallo, Oskar."

„Hallo."

Sie sah ihn an. „Jetzt kannst du mir persönlich antworten."

Und er tat es, ohne ein einziges Wort.

◆
LF
Lena Falk

Schreibt über Stimmen, Rollen und die Macht der leisen Töne. Ihre Geschichten spielen gern zwischen Büro, Telefon und später Abendstunde.

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