Telefon & Stimme

Hörspiel für eine einzige Hörerin

Im Studio roch es nach Kaffee und alten Teppichen, und Emil trug seine Kopfhörer wie andere Leute einen Talisman.

Seit fünfzehn Jahren sprach er Hörbücher ein, Krimis, Kochbücher, einmal sogar ein Handbuch für Zahnärzte. Seine Stimme war sein Beruf: warm, dunkel, ein wenig rau. Man sagte ihm, er könne einen Einkaufszettel vorlesen, und die Hörer würden weinen.

Heute las er keinen Einkaufszettel. Er las einen Text, den er selbst geschrieben hatte, und er schwitzte dabei wie ein Anfänger.

„Titel", sagte er ins Mikrofon. „Die Stille zwischen zwei Sätzen. Eine Geschichte für Leonie. Nur für Leonie."

Leonie war Toningenieurin, vierundvierzig, und saß seit zwei Jahren hinter dem Glas, die Hände auf dem Mischpult, im Gesicht diesen sachlichen Ausdruck, der ihn wahnsinnig machte. Sie hatte seine Stimme tausendmal gehört, gefiltert, geschnitten, entzerrt. Sie kannte jede Atempause. Und sie hatte nie, nicht ein einziges Mal, gesagt, was sie dabei fühlte.

Aber sie hatte einmal, an einem späten Abend, beim Abspielen einer Probe, leise gemurmelt: „Dich sollte man verbieten."

Das war der Anfang gewesen.

Nun saß sie nicht hinter dem Glas. Sie saß zu Hause, auf dem Sofa, mit Kopfhörern und einem Glas Rotwein, und er hatte ihr die Datei geschickt, mit einer einzigen Zeile: Hör sie dir an. Allein. Im Dunkeln.

Er hatte sich vorgestellt, wie sie das Licht löschte. Er sprach, als wäre sie im Raum.

„Es beginnt mit einem Flur", flüsterte er. „Einem langen Flur, und am Ende brennt eine Lampe. Du gehst darauf zu. Ich bin nicht zu sehen, aber du hörst mich. Immer ein paar Schritte vor dir. Du folgst, weil du nicht anders kannst, und ich warte, weil du es bist, auf die ich warte."

Er ließ Pausen, lang, so lang, wie sie sie kannte. Er erzählte von einer Tür und einem Zimmer und einer Frau, die einen Mann bat, still zu sein, und der Mann gehorchte, und das Schönste daran war nicht der Gehorsam, sondern die Hingabe, mit der er es tat. Keine Berührung kam vor. Nur Stimmen, Räume, ein Schlüssel, der sich im Schloss drehte.

Zum Schluss, kaum hörbar, sagte er: „Und wenn du das hörst, Leonie, dann weißt du, dass jedes Wort für dich geschrieben wurde. Wenn du willst, dass ich es noch einmal lese, sag es mir. Und wenn du nicht willst, dass ich je wieder aufhöre, sag es auch."

Er drückte auf Stopp. Seine Hände zitterten.

Am nächsten Morgen kam die Antwort, eine Sprachnachricht, drei Sekunden lang. Ihre Stimme, ungewohnt weich: „Komm heute Abend ins Studio. Ich habe noch eine Aufnahme zu machen."

Er kam um acht. Sie stand am Mischpult, die Kopfhörer um den Hals, die Wangen rot.

„Setz dich", sagte sie, und zum ersten Mal klang es nicht nach Technikerin, sondern nach einem Befehl.

Er setzte sich ans Mikrofon.

„Und jetzt", sagte sie, „liest du mir etwas vor, das ich nie ausschalten will."

Er lächelte. Sie drückte auf Aufnahme. Das rote Licht ging an, und die Welt hinter dem Glas wurde sehr, sehr still.

◆
MS
Mira Sommer

Erzählt von Vertrauen, Geduld und dem Moment, in dem aus Neugier Hingabe wird. Warm, genau und mit Sinn für Details.

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