Telefon & Stimme

Flüstern im Dunkeln

Um 21:14 Uhr ging in der gesamten Straße das Licht aus. Kein Flackern, kein Vorwarnen, nur ein dumpfes Brummen und dann Stille. Paul stand im Wohnzimmer mit einer Tasse Tee in der Hand und fluchte leise.

Sein Handy vibrierte auf dem Sofa. Er tastete danach, und im blauen Schein des Displays las er: Ines.

„Bist du zu Hause?", fragte sie, kaum dass er abgehoben hatte.

„Ich bin im Dunkeln zu Hause. Stromausfall."

„Dann ist es perfekt." Er hörte, wie sie leiser wurde, dieser Moment, in dem ihre Stimme sich verdichtete, von der Kollegin zur Frau. „Hast du eine Kerze?"

„Irgendwo."

„Keine Kerze. Lass es dunkel." Eine Pause. „Setz dich. Aufs Sofa. Und jetzt hör mir zu."

Er setzte sich. Ihr Atem kam durch den Hörer, ruhig und gleichmäßig, und er stellte sich vor, wie sie in ihrer Wohnung auf der anderen Seite der Stadt am Fenster saß, die Beine untergeschlagen, den Blick auf irgendeinen Punkt gerichtet, den nur sie kannte. Ines war vierundvierzig, Astronomin an der Sternwarte, und hatte eine Art zu flüstern, die einem Gedanken beibrachte, wie man sich benimmt.

„Weißt du, was ich an der Nacht mag?", fragte sie.

„Sag es mir."

„Dass man alles hört, was tagsüber untergeht. Den eigenen Herzschlag. Das Blut im Ohr." Ihre Stimme senkte sich, eine Spur nur. „Leg die Hand auf deine Brust, Paul. Spürst du es?"

Er legte sie auf. Unter dem Hemd schlug es, schnell, zu schnell. „Ja."

„Schneller als vor einer Minute?"

„Ja."

„Dann ist das mein Verdienst." Er hörte das Lächeln, so deutlich, als säße sie neben ihm. „Und jetzt zähle ich. Bei jedem Atemzug, den ich dir ansage, wird es ruhiger. Das ist keine Bitte."

„Nein, Herrin."

„Gutes Wort. Heute lasse ich es dir durchgehen." Sie atmete ein, lang und hörbar. „Eins."

Er atmete mit ihr. Zwei. Drei. Draußen war es still, die Straße lag wie unter einer schweren Decke, und in seinem Ohr war nur ihre Stimme, die ihn führte, ohne dass sie ihn je berührte.

„Weißt du, was das Seltsame ist?", sagte sie nach einer Weile, ganz leise. „Ich sitze hier und sehe Sterne. Tausende. Und alles, woran ich denken kann, ist, wie du gerade dasitzt und tust, was ich sage."

„Ich tue gern, was du sagst."

„Ich weiß." Der Satz kam weich. „Das ist das Schönste daran."

Sie sprachen bis nach Mitternacht. Nicht über Dinge, die man aufschreiben könnte, sondern über das, was zwischen den Worten lag, über Hände und Nacken und die Frage, wie lange man in einer Stimme versinken kann, bevor man den Boden wiederfindet.

Als das Licht um 0:37 Uhr zurückkehrte, flammte die Stehlampe im Wohnzimmer auf, und Paul zuckte zusammen, als hätte jemand ihn ertappt.

„Ist es hell?", fragte Ines.

„Ja. Zu hell."

„Dann mach es wieder aus." Und er stand auf, ging zum Schalter und knipste ihn aus, ohne zu zögern, weil ihre Stimme es verlangt hatte.

„Brav", flüsterte sie. „Gute Nacht, Paul."

„Gute Nacht, Ines."

Er blieb noch lange im Dunkeln sitzen, das Telefon an der Brust, und hörte nach, was sie ihm in die Ohren gelegt hatte, als hätte sie einen Schatz dort versteckt.

◆
MS
Mira Sommer

Erzählt von Vertrauen, Geduld und dem Moment, in dem aus Neugier Hingabe wird. Warm, genau und mit Sinn für Details.

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