Telefon & Stimme

Anruf um Viertel nach zehn

Um 22:14 Uhr saß Hanne bereits auf dem Bett, die Beine untergeschlagen, das Telefon in beiden Händen. Seit drei Monaten ging das so. Sie hatte Zeit, Küche und Zähneputzen längst erledigt, hatte sich das Haar gelöst und das Fenster einen Spalt geöffnet. Alles nur, um um 22:15 Uhr bereit zu sein.

Malte lebte in Zürich, sie in Hamburg, siebenhundert Kilometer dazwischen. Sie kannten sich seit einem Kongress im Frühjahr, wo er ihr beim Abendessen über den Tisch hinweg eine Frage gestellt hatte, die sie noch immer nicht vergessen konnte: „Was würdest du tun, wenn niemand zusähe?"

Das Telefon klingelte. Nicht um 22:14, nicht um 22:16. Er war so pünktlich, dass sie gelegentlich den Verdacht hegte, er stehe schon Minuten vorher mit der Uhr in der Hand im Flur.

„Hallo, Hanne."

Sie schloss die Augen. Das war der Moment, auf den sie den ganzen Tag zugearbeitet hatte: dieses „Hanne", tief und ruhig, als halte er den Namen in der flachen Hand.

„Hallo, Malte."

„Wo bist du?"

„Auf dem Bett."

„Seit wann?"

„Seit einer Viertelstunde." Sie lachte, kurz verlegen. „Vielleicht auch länger."

„Das gefällt mir." Ein Rascheln, als sei er selbst in einen Sessel gesunken. „Heute machen wir es anders. Du darfst nichts sagen, außer wenn ich dich frage."

„Und wenn ich etwas sagen möchte?"

„Dann wartest du." Seine Stimme senkte sich. „Warten kannst du gut. Das habe ich schon gemerkt."

Sie wartete. Es war eigenartig, wie viel Zeit in einer Pause stecken konnte. Er erzählte ihr von seinem Tag, nebenbei, von einem Kollegen und einem Aufzug und von einer Birke vor seinem Fenster, die als Einzige im Hof schon gelb war. Dann, ohne Übergang, sagte er: „Lass das Licht aus."

Sie streckte die Hand nach der Lampe aus und löschte sie. Im Zimmer blieb nur das bläuliche Licht der Straße.

„Und jetzt stell dir vor, ich säße neben dir."

„Das tue ich", flüsterte sie.

„Hab ich dich gefragt?"

„Nein."

„Dann schweig. Hör zu." Er begann zu sprechen, langsam, jedes Wort ein Schritt über Eis. Er beschrieb nicht, was er täte, wenn er bei ihr wäre. Er beschrieb, was er hörte: ihren Atem, das Knarren des Bettes, das leise Streichen von Stoff, wenn sie sich bewegte. Er beschrieb es so genau, dass sie das Gefühl hatte, sich selbst von außen zu sehen, durch seine Ohren. Ihr wurde heiß, und niemand hatte sie berührt.

„Du atmest schneller", sagte er.

Sie presste die Lippen zusammen.

„Das war keine Frage, Hanne. Du darfst es hören."

Ihr Lachen brach als Seufzer heraus. „Du bist furchtbar."

„Ich bin geduldig." Er ließ eine Pause entstehen, lang, voll, dunkel. „Das ist etwas anderes."

Irgendwann, sie wusste nicht, ob nach zwanzig oder fünfzig Minuten, wurde seine Stimme leiser, weicher, als lege er ihr eine Decke um. „Genug für heute. Du hast das schön gemacht."

„Ich habe doch gar nichts getan."

„Doch. Du hast mir zugehört, als gäbe es niemanden sonst." Sie hörte ihn lächeln. „Das ist alles, was ich je wollte."

Sie lag im Dunkeln, das Telefon warm an der Wange, und dachte an die siebenhundert Kilometer. Sie waren auf einmal nichts. Sie waren ein Draht, ein Atemzug, ein Name.

„Malte?"

„Ja?"

„Samstag. Ich nehme den Zug."

Stille. Dann sagte er, und seine Stimme klang nicht mehr kontrolliert, sondern ein wenig brüchig, ein wenig jung: „Ich hole dich ab. Um Viertel nach zehn."

„Pünktlich?"

„Wo denkst du hin." Er lachte leise. „Fünf Minuten früher."

◆
CR
Clara Reuter

Schreibt über Kontrolle, Disziplin und Autorität mit Stil. Ihre Figuren führen ruhig, genau und mit einem Lächeln.

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