Latex & Fetisch

Erste Anprobe mit Puder

„Sie müssen sich das vorstellen wie ein sehr enges, sehr entschlossenes Gummiband mit Charakter", sagte Herr Brandt und stellte die Puderdose auf den Hocker in der Umkleide. „Es will, dass Sie es lieben. Aber es will erst überzeugt werden."

Petra stand in Unterwäsche zwischen Spiegel und Vorhang und fragte sich, ob sie den Verstand verloren hatte. Sie war einundvierzig, Steuerberaterin, hatte in ihrem Leben noch nie etwas Unvernünftigeres getragen als einen roten Mantel. Und jetzt hielt ihr der Inhaber eines kleinen Ladens in der Seitenstraße ein schwarzes, glänzendes Etwas hin, das aussah wie ein Schatten, der Ausgang hatte.

„Und das ziehe ich an?"

„Ziehen Sie nicht", sagte Herr Brandt. „Streifen Sie. Millimeter für Millimeter. Wie Strümpfe, nur mit mehr Ehrgeiz." Er hielt inne, räusperte sich und fügte hinzu: „Ich warte draußen. Rufen Sie, wenn Sie Hilfe brauchen."

Sie brauchte Hilfe. Nach zehn Minuten saß sie auf dem Hocker, den rechten Fuß im Kleid, den linken im Chaos, und das Material hatte sich bis zur Hüfte hochgearbeitet und blieb dort stecken, als hätte es einen Streik beschlossen.

„Herr Brandt?"

„Ja?"

„Ich glaube, ich stecke fest."

„Das ist normal." Seine Stimme klang unerschütterlich, durch den Vorhang gedämpft. „Haben Sie Puder genommen?"

„Ich habe Puder genommen. Ich habe so viel Puder genommen, dass ich aussehe wie ein Croissant."

„Dann noch etwas Politur auf die Außenseite. Sie werden sehen: Wenn es einmal sitzt, sitzt es."

Sie atmete tief durch, lachte, atmete wieder durch, und plötzlich glitt das Material über die Hüfte, legte sich um die Taille und schloss sich mit einem kaum hörbaren Seufzer um ihren Rücken. Der Reißverschluss hinten war ein Kapitel für sich. Sie zog den Vorhang einen Spalt zurück.

„Hilfe?"

Herr Brandt trat ein, die Augen höflich auf den Boden gerichtet, und zog den Zipper hoch, sorgsam und professionell wie ein Schneider alter Schule. Dann hob er den Blick, und Petra sah, wie sich sein Gesicht veränderte.

„Gut", sagte er leise. „Ach, wunderbar."

Sie drehte sich zum Spiegel.

Es war, als hätte jemand in einem alten Bild das Licht angeschaltet. Das Schwarz folgte jedem Atemzug, jeder Bewegung, ein glänzender Fluss um Schultern und Hüften, und die Frau darin sah aus, als wüsste sie genau, was sie wollte. Petra hob die Hand und bewegte die Finger. Das Latex gab ein leises, selbstzufriedenes Geräusch von sich.

„Das bin ich nicht", sagte sie.

„Doch", sagte Herr Brandt. „Das sind Sie, wenn niemand Sie korrigiert."

Sie lachte, und ihr Spiegelbild lachte mit. Dann schlug sie die Hände vors Gesicht. „Ich hab gerade einen Entschluss gefasst, der mir Angst macht."

„Der Gute?"

„Ich nehme es."

„Ich habe es gehofft." Er zog ein weißes Tuch aus der Westentasche und reichte es ihr, so feierlich, als wäre es eine Fahne. „Hier. Für die Rührung. Und beim Ausziehen denken Sie dran: Wasser, Seife, Geduld."

„Und Puder?"

„Und Puder. Immer Puder. Er ist der verschwiegene Held dieser Leidenschaft."

Als sie eine Stunde später mit einer Tüte voller Tücher, Pflegemittel und einem nagelneuen Selbstbild auf die Straße trat, glänzte der Regenasphalt. Sie blieb kurz stehen, sah sich in einer Pfütze und sagte, ganz leise, zu niemand Bestimmtem: „Na dann."

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LF
Lena Falk

Schreibt über Stimmen, Rollen und die Macht der leisen Töne. Ihre Geschichten spielen gern zwischen Büro, Telefon und später Abendstunde.

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